Die Ungewöhnlichen: Paolo Lucidi und Luca Pevere

Mit ihrem Forscherdrang und ihrer Innovationsfreude haben sich die Designer Paolo Lucidi und Luca Pevere an die Spitze der internationalen Designszene gearbeitet. Obwohl «gewöhnlich» nicht zu ihrem Wortschatz zählt, zeichnen sich ihre Designentwürfe durch Langlebigkeit und einen ästhetisch immer wieder überraschenden Pragmatismus aus.

 
 
Paolo Lucidi und Luca Pevere in ihrem Designbüro mit der Holzversion des Tisches «Boiacca». (Foto: Paolo Contratti)zoom
Paolo Lucidi und Luca Pevere in ihrem Designbüro mit der Holzversion des Tisches «Boiacca». (Foto: Paolo Contratti)

«Von uns erwartet man etwas Ungewöhnliches», meint Luca Pevere (*1977), der mit Paolo Lucidi (*1974) das Designstudio LucidiPevere führt. Kein Wunder, denn zum Repertoire ihrer Kreationen gehören Leuchten und Tische aus Beton, demontierbare Sofas, die an Zeltlager erinnern, Beistelltische aus Baumstammfolien, oder Sessel mit gespannten Kevlar-Seilen, die von LKW-Abdeckplanen inspiriert wurden. Paolo und Luca gehören zur neuen Welle italienischer Gestalter, die Möbel und Objekte mit Statements schaffen und eine tiefgehende Materialrecherche mit origineller Innovation verbinden. Beide gründen ihr gestalterisches Können auf ein Industrial Design Studium am Mailänder Polytechnikum, wo sie sich vor etwa 20 Jahren auch kennenlernten.

Dass sie sofort Freundschaft schlossen, hängt nicht nur mit der gemeinsamen Herkunft aus dem Friaul zusammen, sondern auch mit der Tatsache, dass sie von Anfang an auf gleicher Wellenlänge waren und sich dies mit der Zeit weiter verstärkt hat: «Im Grunde haben wir den gleichen ästhetischen Geschmack», sagt Luca, «und begeistern uns mehr und mehr für die gleichen Dinge.» «Obwohl es schwierig ist, diesen Job zu zweit auszuüben, streiten wir nie», fügt Paolo hinzu. «Unsere Frauen sind sogar ein wenig neidisch darauf!» Sie ergänzen sich perfekt, da Paolo pragmatisch und ungeorndet ist, während Luca methodisch und genauer vorgeht. Beide haben eine Abneigung gegen festgesetzte Entwurfssprachen und lassen sich von allem frei inspirieren.

Auch in der Arbeitsteilung gibt es keine feste Regel. Jeder Entwurf fängt unabhängig an, erst nach einer Weile konfrontieren sie sich mit ihren Ideen. «Wir gehen von einer Idee aus, die entweder aus der Technologie oder aus einem Material schöpft, oder auch von der Suche eines ikonischen Objekts, das es noch nicht gibt.» Wie die Badewanne «Marsiglia» für die Firma Agape: Sie nimmt einen Archetyp, die Waschwanne der Wäscherinnen, wieder auf, um ihn neu zu interpretieren. Der Entwurfsprozess kann ein langfristiger sein, wenn sie beispielsweise eine Innovation testen müssen, wie beim Stuhl «LP», bei dem die  Gussform mehrere hunderttausend Euro wert war und in jedem Detail stimmen musste.

Viel schneller ging es beim Trennwandelement «Shoji» für Zanotta, denn das Briefing bestand einfach darin, mit Holz und Stoff die Typologie zu erneuern. Bei der Leuchte «Arumi» für Foscarini versuchten die Designer schliesslich, die raue, taktile Oberfläche des Produkts so wiederzugeben, wie sie unvollendet aus dem Ofen kommt. Hierfür untersuchten sie die galvanische Fertigungstechnik und  entwickelten eine Anzahl von Bearbeitungen, um der Leuchte ihre doppelte Seele zu verleihen. Die spiegelnde Innenfläche verstärkt das Licht, aber die versteckte LED-Lichtquelle ermöglicht ein diskretes, blendfreies Leuchten. Schon als sie zu Beginn ihrer Karriere in Mailänder Designbüros arbeiteten – Paolo bei Piero Lissoni und Marc Sadler, Luca bei Clino Castelli und Marco Ferreri – und nur nachts für sich entwerfen konnten, haben sie immer den Kontakt mit Designfirmen vorgezogen, die projektbezogen arbeiteten. Seit 2006 entwirft das Duo nun im eigenen Büro, zunächst in Mailand, schliesslich in Palmanova bei Udine – wo sie die idealen Bedingungen für Arbeit und Familienleben mit Kindern gefunden haben.

Offen für das Unbekannte
Ihre guten Kenntnisse von Fertigungstechniken und Materialien sind bei der Zusammenarbeit mit kaum bekannten Unternehmen entstanden. Anfangs suchten sie sich den passenden Hersteller, der ihre detaillierten Durchführungsentwürfe verwirklichte. «Nicht nur Skizzen», sagt Paolo provokativ. Dazu zählte auch der Leuchtenhersteller Foscarini, mit dem bereits 2007 der erste Kontakt zustande kam. «Sie waren sofort für unsere Vorschläge offen», erzählt Paolo. «Die Idee, eine Leuchte aus Beton zu entwerfen, kam nach unserer Arbeit mit Pflanzenvasen. Sie gefiel ihnen, aber bis zur Verwirklichung vergingen fast drei Jahre.» Mittlerweile ist «Aplomb» ein echter Dauerbrenner geworden. «Als uns daraufhin Kristalia für einen innovativen Tisch aus Beton aufsuchte, sagten wir zu, allein deshalb, weil es neue gestalterische und produktionstechnische Herausforderungen zu bewältigen gab», erklären die Designer. «Danach haben wir uns aber vom Beton verabschiedet, um nicht als Betonspezialisten abgestempelt zu werden.» Paolo und Luca legen viel Wert auf die enge Zusammenarbeit mit ihrem jeweiligen Auftraggeber. Sie versuchen deren Sprache zu interpretieren, berücksichtigen deren Know-how und deren Fertigungsmethoden. So schlugen sie De Padova das Sofa «Yak» vor, das der DNA des Unternehmens perfekt entsprach: zeitgemäss und mit skandinavischem Flair.

«Im Unterschied zu anderen Designern besitzen wir keinen einförmigen Stil», meint Paolo. «Wir vertrauen aber darauf, dass es einen roten Faden gibt, der unsere Entwürfe verbindet.» All ihre Designobjekte sind zwar ungewöhnlich, generell zeichnet sie jedoch eine gewisse Konkretheit und Stärke aus. Das bedeutet auch, dass sie der Zeit mit ihren kurzlebigen Trends standhalten und von Dauer sind. «Ein Produkt soll der Firma und uns nutzen», meint Luca. Für die Designer muss etwas dahinter stecken, das nicht nur blosse Dekoration ist. Der Schlüssel zu ihrer Arbeit heisst: Innovation der Tradition. «Chignon», einer der zwei neuen Stühle für Gebrüder Thonet Vienna, wirkt auf den ersten Blick wie eine Karrikatur. «Aber seine Ästhetik entsteht direkt vom Bugholz, das wir ikonisch umdeuteten, um das Polster zum Protagonisten zu machen.» Mit weiteren internationalen Kollaborationen kündigt sich 2018 ein Feuerwerk neuer Kreationen an. «Zumindest hoffen wir das», lachen die Designer – und sind sich mal wieder einig.


Text: Paola Tamborini
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 11/2017

Bezugsquelle:
Lucidi Pevere
33047 Palmanova, Italien
Tel. +39 0432 920727
www.lucidipevere.com

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