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Bewusste Reduktion – Designer Vincent Van Duysen

Der belgische Architekt und Designer Vincent Van Duysen bezeichnet sich selbst als traditionellen Modernisten. Seine Entwürfe sind unabhängig von Situation und Aufgabe immer massgeschneidert. Dabei liegt sein Fokus auf Funktionalität, Komfort und Nachhaltigkeit.

 
 
Das Sofa «Paul» in rotem Velours zeigt sich in einer klassischen und zugleich sehr modernen Formensprache. Molteni & C.zoom
Das Sofa «Paul» in rotem Velours zeigt sich in einer klassischen und zugleich sehr modernen Formensprache. Molteni & C.
 
 
Der Lounge Chair aus der Kollektion «Franck» ist nicht auf Trends ausgerichtet, sondern auf Funktionalität, Langlebigkeit und Komfort. Gleichzeitig überzeugt er mit raffinierten Details. (Sutherland).zoom
Der Lounge Chair aus der Kollektion «Franck» ist nicht auf Trends ausgerichtet, sondern auf Funktionalität, Langlebigkeit und Komfort. Gleichzeitig überzeugt er mit raffinierten Details. (Sutherland).
«Casting», hier in der Version «Round», ist eine Serie wasserdichter Outdoor-Leuchten, die aus pressgeformtem Beton hergestellt werden. (Flos).zoom
«Casting», hier in der Version «Round», ist eine Serie wasserdichter Outdoor-Leuchten, die aus pressgeformtem Beton hergestellt werden. (Flos).
Das Beleuchtungssystem «Infra-Structure» erinnert an die Bauhaus-Ära. Die Lichtquellen werden in magnetische Schienen installiert und können im Nu verstellt werden. (Flos).zoom
Das Beleuchtungssystem «Infra-Structure» erinnert an die Bauhaus-Ära. Die Lichtquellen werden in magnetische Schienen installiert und können im Nu verstellt werden. (Flos).
 
 
 
Vincent Van Duysen, 1962 in Lokeren/Belgien geboren.zoom
Vincent Van Duysen, 1962 in Lokeren/Belgien geboren.

Vincent Van Duysen ist ein Ästhet, der neuen Projekten mit viel Sinnlichkeit und Intuition begegnet. «Design bedeutet für mich seit jeher ein abgerundetes Ganzes, ohne Trennungen zwischen den Disziplinen», stellt er fest. Seit 1990 führt er in Antwerpen sein eigenes Architektur- und Designbüro mit mehr als 20 Mitarbeitern. Er hat sich schon früh als Architekt profiliert, national wie international. Kurz nach seinem Architekturstudium in Gent arbeitete er 1986/87 zuerst bei Designerin und Künstlerin Cinzia Ruggeri in Mailand, danach führte ihn seine nächste Station zu Aldo Cibic von Ettore Sottsass Associati, die Begründer der Memphis-Design-Gruppe. Van Duysens Entwurfssprache zeigt scheinbar keine Beziehung zur auffallenden, knallfarbigen Ästhetik der Memphis-Bewegung. Trotzdem hat genau diese Erfahrung markante Spuren bei ihm hinterlassen: «Als ich wegging, war ich von diesen elementaren, archetypischen Formen angezogen und habe sie weiter erkundet, aber in einer ruhigen, zeitlosen Weise, indem ich die Formen zu ihrer Essenz destillierte, um Reinheit und Gelassenheit in ihrem Design zu ermöglichen.»

Tatsache ist, dass in den von ihm entworfenen Objekten und Bauten essentielle, geometrische Volumen dominieren, die in ausgewogener Balance von Raum und Licht untereinander und mit dem Innenraum interagieren. Seine nüchterne Architektur, die er kreativ durch immer neue Erfindungen belebt, verrät auch die Liebe zur Bauhaus- und Minimalismus-Ära. In den von ihm entworfenen Innenräumen herrscht eine intime, vertraute Stimmung, die mit vorwiegend natürlichen Materialien, handwerklich hochstehenden Verarbeitungen und einer raffinierten, minimalen Farbpalette erreicht wird. Dafür verwendet er fast ausschliesslich Weiss, Schwarz sowie Grau und ergänzt sie mit den Naturtönen Ecru, Sand, Braun sowie einem sanften, verblichenen Blau. Die Naturtöne stehen für die Farben der belgischen Landschaft, wo Erde und Himmel im Dialog miteinander sind, gleichzeitig sind dieselben Farben auch in der flämischen Malerei zu finden. Bewusst unauffällige Ton-in-Ton-Einrichtungen sind seine Spezialität. Eine dezente Beleuchtung trägt dazu bei, eine warme Atmosphäre zu erzeugen. Das Licht ist ein wichtiger Bestandteil seiner Entwürfe und wird als Verbindung zwischen Innen und Aussen benutzt. Eine essentielle Komponente bleibt die Reduktion: «Ich glaube, dass die Reduktion auf das Wesentliche die extreme Form von Eleganz ist. Ich eliminiere und beschränke mich auf das Wesentliche, ohne auf Komfort und Wohlbefinden zu verzichten.» Dies erzeugt ein ruhiges Ambiente, das zu Gleichmut und kontemplativer Einkehr führt.

 
 
Sinnbildlich für Van Duysens Architekturstil ist die DC2-Residence in Tilrode, die in mehrere Holzschuppen und Scheunen unterteilt ist.zoom
Sinnbildlich für Van Duysens Architekturstil ist die DC2-Residence in Tilrode, die in mehrere Holzschuppen und Scheunen unterteilt ist.
Im Inneren entpuppen sich die Holzschuppen als sehr komfortabel.zoom
Im Inneren entpuppen sich die Holzschuppen als sehr komfortabel.
 
 
 

Von Innenräumen zu Designobjekten
Van Duysen liebt das minimalistische Design des Schweizer Architekten Pierre Jeanneret, seinerzeit Partner von Le Corbusier, sowie die Überkreuzung von Rustikalem, Funktionalem und Raffiniertem, wie es der schwedische Designer Axel Einar Hjorth in seinen Arbeiten ausdrückte. Aber auch die ausdrucksstarken Objekte von Rick Owens und die poetischen, symbolischen Kreationen seines Freundes Vincenzo De Cotiis inspirieren ihn. «Ich mag Möbelstücke, bei denen man die Handwerkskunst spürt und sieht», erklärt er. «Ich glaube nicht an Perfektion. Unvollkommenheit macht die Dinge interessanter und schöner. Dabei können grobe, unregelmässige Oberflächen kontrastvoll neben perfekt geschliffenen stehen.»

 
 
Das Bett «Anton» strahlt harmonische Ausgewogenheit aus, was durch die Kapitonierung als Gestaltungselement sowohl beim Kopfteil als auch bei der Bank vor dem Bett unterstrichen wird. (Molteni&C).zoom
Das Bett «Anton» strahlt harmonische Ausgewogenheit aus, was durch die Kapitonierung als Gestaltungselement sowohl beim Kopfteil als auch bei der Bank vor dem Bett unterstrichen wird. (Molteni&C).
Tablare, transparente Schubladen sowie Böden aus Öko-Leder sind einige der markanten Elemente von «Gliss Master Island», einem freistehenden Stauraum-Möbel, das die begehbaren Kleiderschränke «Glissmaster» vervollständigt. (Molteni&C).zoom
Tablare, transparente Schubladen sowie Böden aus Öko-Leder sind einige der markanten Elemente von «Gliss Master Island», einem freistehenden Stauraum-Möbel, das die begehbaren Kleiderschränke «Glissmaster» vervollständigt. (Molteni&C).
 
 
 
Detail des Tisches «Shadow». (De Padova).zoom
Detail des Tisches «Shadow». (De Padova).

Auch im Design ist seine Herangehensweise architektonisch geprägt – seine Betrachtungsweise liegt hier vor allem auf der räumlichen Beziehung zwischen Architektur und Einrichtung. Die «häuslichen Architekturelemente» seiner Innenräume gefielen der namhaften Firma B&B Italia, die in seinem Stil eine Wahlverwandtschaft erkannte. Die Zusammenarbeit mit B&B Italia war gleichzeitig auch das Debüt seiner öffentlichen Designperformance und startete mit einer Sitzkollektion, die skandinavische Designstücke neu interpretierte. Der grosse Erfolg aber kam mit «Oskar», einem Tisch, der in seinem architektonischen Aufbau eine Hommage an den Architekten Oskar Niemeyer darstellt. «Mit dem Tisch wollte ich allgemein meine Wertschätzung für die Architekten der Moderne und ihre strukturelle Ideologie ausdrücken. Verbunden mit dem Handwerk und Wissen des B&B-Designlabors entstand so ein Entwurf, der zwar von industriellen Prinzipien geleitet war, aber gleichzeitig eine weiche, zeitgemässe Sprache zeigte.»

 
 
«Icona» ist eine zeitlose Neuinterpretation der klassischen Armatur, mit Augenmerk auf Ergonomie und Langlebigkeit. (Fantini).zoom
«Icona» ist eine zeitlose Neuinterpretation der klassischen Armatur, mit Augenmerk auf Ergonomie und Langlebigkeit. (Fantini).

B&B Italia, Molteni, Fantini, Flos, Swarovski, Bulo, Brix, Tribù, Poliform, Viccarbe, Valli & Valli, Arflex, Modular, Toscoquattro, Pastoe, Herman Miller und De Padova sind nur einige der Firmen für die er entworfen hat. Besonders angetan haben es Vincent Van Duysen italienische Möbelhersteller, im Speziellen Molteni, für den er auch das erfolgreiche Schrank- und Ankleidesystem «Glissmaster» entworfen sowie das Konzept für die Messestände entwickelt hat. Folgerichtig wurde er im Jahr 2016 von Molteni zum künstlerischen Direktor des Unternehmens ernannt. Überhaupt war 2016 sein Glücksjahr. Wie ein Feuerwerk entstand eine ganze Reihe von Produkten: Eine Armatur für Fantini, die Leuchte «Casting» und das Beleuchtungssystem «Infra-Structure» für Flos, der Sessel «Marlon» für Poliform, das Sofa «Paul», das Sideboard «Quinten» und die Couchtische «Jan» für Molteni sowie die Dada-Küche, die seine Initialen «VVD» trägt. Im selben Jahr wurde er an der Interieur Biennale in Kortrijk zum «Designer des Jahres» ernannt.  

Auf diese Erfolge angesprochen meint Van Duysen: «Alles in allem bleibt die Bewältigung der verschiedenen Projekte eine Herausforderung». Eine Aufgabe, die er gern annimmt, um zeitlose, einfache und gleichzeitig raffinierte Designstücke zu entwerfen, frei nach dem Motto: «Es dreht sich alles um Bewusstsein.»

 
 
Der schlichte, sachliche Stil des Tafelservices steht in Einklang mit Van Duysens Architektur- und Designsprache. (March).zoom
Der schlichte, sachliche Stil des Tafelservices steht in Einklang mit Van Duysens Architektur- und Designsprache. (March).
 
 

Text: Paola Tamborini
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 05/18

Bezugsquelle:
Vincent Van Duysen Architects
www.vincentvanduysen.com

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