DAS SCHWEIZER MAGAZIN FÜR ARCHITEKTUR, WOHNEN UND DESIGN

Haus-im-Haus

20 Minuten zum Glück

Wie kann ein Haus zum Balsam für die Seele werden? Indem es dem Menschen eine Einfachheit anbietet, die in unserem heutigen Alltag kaum mehr Raum hat. Denn der wahre Luxus in einer lauten, hektischen Welt besteht darin, einfach nur Mensch sein zu dürfen. In diesem Sinne: Willkommen im Muggiotal!

Der einstige Stall thront am Ende des Tales ähnlich einer Kathedrale über dem Tessiner Dorf Scudellate und ist nur über einen steilen Fussweg erreichbar.
Der einstige Stall thront am Ende des Tales ähnlich einer Kathedrale über dem Tessiner Dorf Scudellate und ist nur über einen steilen Fussweg erreichbar.
Das Zusammenspiel der planen Glas- und Holzoberflächen einerseits und der rauen Mauern andererseits, macht die Räume sehr besonders.
Das Zusammenspiel der planen Glas- und Holzoberflächen einerseits und der rauen Mauern andererseits, macht die Räume sehr besonders.
Auch die schlichte Küche aus Beton und die Einbauschränke aus Tannenholz planten die Architekten.
Auch die schlichte Küche aus Beton und die Einbauschränke aus Tannenholz planten die Architekten.

Nein, ganz so einfach ist es mit einem Wochenende im Rustico am Hang über dem Tessiner Dörfchen Scudellate nicht: Viele Annehmlichkeiten des modernen Lebens müssen im Tal bleiben, allen voran das Auto. Damit beginnt die Entschleunigung schon mit der Anreise. Ganze zwanzig Minuten steiler Fussweg liegen zwischen dem Dorf und der Stelle am Südhang, an der das Rustico einer Kathedrale gleich über dem Dorf thront. Auch für die Konzentration aufs Wesentliche sorgt das Haus durch seine Lage abseits der Strasse: Jeder Besucher muss sich gut überlegen, was mit nach oben soll – schliesslich muss alles, was gebraucht wird, mit Muskelkraft den Hang hinauf befördert werden. Aus der Reduktion entsteht hier auch eine Entlastung für die Seele. Oben angekommen, erwarten die Besucher Räume, die edel, aber völlig unaufgeregt daherkommen.

Doch wie so oft begann diese Geschichte mit einem Bild des Jammers. Der nicht mehr genutzte Stall und die Scheune auf knapp 1000 Meter Höhe waren verfallen, schon viele Jahre waren sie nicht mehr genutzt und instand gehalten worden. Doch Abriss und Neubau kamen keinesfalls infrage; akribisch schützen die Tessiner Gesetze und das Raumplanungsgesetz des Bundes die Rustici als solche. Doch wer kümmert sich schon um einen Stall, den er nicht mehr braucht, den man aber auch für nichts Anderes nutzen darf? Deshalb gestattet der Kanton mittlerweile, diese alten Ställe, auch wenn sie ausserhalb der Bauzonen liegen, zu Wohnzwecken umzunutzen, damit sie erhalten bleiben können. Denn die Rustici in ihrer über Jahrhunderte alten Form prägen das Bild der Landschaft im Tessin. Auch deshalb gelten für ihren Umbau strenge Auflagen, berichtet Architekt Jérôme de Meuron: «Wir durften beispielsweise die Fassade und das Dach nicht verändern – was auch hiess, dass keine zusätzlichen Öffnungen erlaubt waren.»

Dieser unbedingte Respekt vor dem Bestand zieht sich durch das gesamte Gebäude, das heute eine grössere und eine kleinere Wohnung beherbergt. Erstere liegt im nordwestlichen Teil, erstreckt sich auf 73 Quadratmeter Fläche über zwei Etagen und wird von den Eigentümern genutzt. In der zweiten Wohnung, 30 Quadratmeter gross, können Fremde ihre Ferientage verbringen. Obwohl diese kleinere Wohnung nur ein Schlafzimmer bietet, finden hier auch Familien mit Kindern ausreichend Schlafplätze, denn in den Sitzbänken des Wohn- und Essbereiches verstecken sich Matratzen für zwei weitere Personen.

Wie sich der Ausbau des Rustico im Muggiotal gestaltet, ist im Magazin RAUM UND WOHNEN zu lesen. Die Ausgabe 2/2019 lässt sich online bestellen.

Text: Barbara Hallmann, Fotos: Albrecht I. Schnabel
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 2/2019

Architektur:
Wespi de Meuron Romeo Architekten
6578 Caviano
wdmra.ch

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