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SBB-Streckeninspektor: Auf einsamen Pfaden

Ernst Zurfluh, SBB-Streckeninspektor

Ich mache jeden Tag eine zünftige Wanderung. Täglich lege ich auf dem SBB-Netz etwa 15 bis 20 Kilometer zu Fuss zurück. Ich habe meine festen Touren in einem bestimmten Rayon im Kanton Aargau, den ich zusammen mit einem Kollegen bearbeite. Alle zwei bis drei Wochen ist wieder dieselbe Strecke dran. Meine Aufmerksamkeit richte ich in erster Linie auf Veränderungen an den Schienen, an den Befestigungen, an den Schwellen und am Schotter. Mittlerweile ist mein Auge so geschult, dass ich kleinste Abweichungen wahrnehme. So kann ich beurteilen, wenn sich winzige Makel, die man noch kaum sieht, zu grösseren Schäden entwickeln könnten, die repariert werden müssen. Im schlimmsten Fall, wenn zum Beispiel eine Schiene gebrochen ist, muss die Zugstrecke sofort gesperrt werden. Die Sperrung dauert so lange, bis der Schaden durch den Pikettdienst geflickt ist. An der mangelhaften Stelle könnte sonst ein Zug entgleisen. Jede meiner Feststellungen halte ich schriftlich fest und fotografiere die Auffälligkeiten mit dem Tablet-Computer, der zu meiner Ausrüstung gehört. Auf dem Computer ist ein Programm installiert, das die GPS-Daten speichert, mit denen man den Ort später sofort lokalisieren kann. Zudem markiere ich schadhafte Stellen mit oranger Farbe aus der Spraydose, damit die Kollegen nicht lange suchen müssen, sondern sie auf den ersten Blick wieder finden.

Zu meiner Ausrüstung gehören die orange Arbeitsuniform mit den Leuchtstreifen, der orange Helm und die Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen. In meinem Rucksack trage ich ausserdem eine rote Fahne mit, um einen Zug aufhalten zu können, sowie eine grosse Taschenlampe, für die ich immer einen kleineren Ersatz dabeihabe. Die Taschenlampe brauche ich vor allem in den Tunnels, um in der Dunkelheit die Schienen zu inspizieren. Zum Teil sind die Platzverhältnisse in den Tunnels sehr beengt, was bei mir auf den ersten Touren etwas Herzklopfen ausgelöst hat. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Ich marschiere jeweils in der Mitte des Gleises auf den Schwellen. Die Augen habe ich auf den Boden gerichtet, bin aber stets wachsam, damit ich entgegenkommende Züge so früh wie möglich sehe. Wenn ich weiss, dass auf einer zweispurigen Strecke auch Züge von hinten zu erwarten sind, drehe ich zudem immer wieder meinen Kopf in die Gegenrichtung. Allerdings spürt man auch, wenn sich ein Zug nähert; man nimmt dann einen Luftzug im Nacken wahr. Fährt ein Zug ins Tunnel ein, weiche ich in eine der Nischen aus, die im Abstand von 50 Metern in die Tunnelwände eingelassen sind. Meine Arbeit ist in meinen Augen nicht gefährlicher als andere Tätigkeiten, wenn ich entsprechend vorsichtig und zu hundert Prozent bei der Sache bin. Für den Fall, dass mir trotzdem einmal etwas passieren würde, habe ich auf meinem Handy eine spezielle App installiert. Ist sie eingeschaltet, wird automatisch eine Zentrale alarmiert, wenn ich mich eine Zeitlang nicht mehr bewege.

Im Rahmen meiner vorgegebenen Touren geniesse ich relativ viel Freiheit. Wie ich meinen Tag einteile, ist mir selbst überlassen, solange ich die Pausen einhalte, die das Arbeitszeitreglement vorsieht. Ich kann also Kaffee trinken gehen und zu Mittag essen, wo ich will. Für den Znüni habe ich immer ein Paar Landjäger dabei. Dass ich auf meinen Inspektionen fast immer allein bin, macht mir nichts aus; ich muss mich ja auf die Arbeit konzentrieren. Unterwegs treffe ich manchmal SBB-Kollegen, zum Beispiel Fahrleitungskontrolleure, oder ich begegne Wanderern oder Pensionierten, die Züge fotografieren. Im Gegensatz zu diesen Fans war ich nie ein angefressener Eisenbähnler, und ich besitze zu Hause auch keine Modelleisenbahn. Allerdings reise ich wohl trotzdem etwas anders als der Normalbürger: Ich sitze stets mit gespitzten Ohren im Zug und lausche, ob alles rund läuft.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 4/17

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SBB-Streckeninspektor

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