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Hotelarchiv Schweiz: Auf Schatzsuche im Grand-Hôtel

Evelyne Lüthi-Graf, Hotelarchiv Schweiz

Die Liebe zu historischen Gasthäusern habe ich im Blut. Meine Grossmutter war Zimmermädchen und arbeitete zeitlebens in Hotels. Sie war es, die mir die Faszination für diese besondere Welt vererbt hat. In einem Haus wie diesem, dem Grand-Hôtel des Rasses im Waadtländer Jura, fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Wochenlang streife ich durch Keller, Estriche und Rumpelkammern. Ich suche in Gästezimmern, Salons und verborgenen Winkeln nach antiquarischen Möbeln, Lampen und anderen Zeugen einer vergangenen Zeit. Anschliessend identifiziere ich sie und erstelle ein genaues Inventar. Oft handelt es sich bei der Suche um eine staubige Angelegenheit, denn in den meisten historischen Hotels entdecke ich unterirdische Gänge und versteckte Kammern, in denen jahrzehntelang niemand mehr war. Ich öffne Türen, hinter die viele Jahre lang niemand geblickt hat, und ich schliesse Schränke auf, von denen kein Mensch mehr weiss, was sich in ihnen befindet. In einem mehr als hundert Jahre alten Schweizer Traditionshotel stiess ich einmal in einer Besenkammer auf die sorgfältig verschnürten Liebesbriefe des früheren Besitzers.

Ich habe mich ins Grand-Hôtel des Rasses verliebt. Es besteht aus zwei Trakten, die 1898 beziehungsweise 1913 erbaut und in den letzten Jahrzehnten mehrmals umgestaltet wurden. Mein Ziel ist, dass das Hotel nach der Erneuerung wieder möglichst gut dem ursprünglichen Zustand entspricht. Dieses Haus war als Sommerhotel erbaut worden, das für die Nutzung im Winter jedoch zu kalt war. Als man in der Schweiz den Wintersport-Tourismus entdeckte, wollte man aber diesen Markt auch im Jura erschliessen. Darum kamen nach einigen Jahren der Erweiterungsbau und eine nach dem damaligen Stand der Technik hochmoderne Heizung hinzu. Die Heizung erlaubte es, fortan auch während der Wintersaison Gäste zu empfangen. Wie sich erst jetzt herausgestellt hat, ist der Trakt von 1913 eine Art Zwilling des Palace-Hotels in Gstaad. Er wurde von denselben zwei Architekten nach ähnlichen Plänen entworfen, aber etwas kleiner dimensioniert. Die Eröffnungsanlässe des Gstaader Palace-Hotels und des neuen Traktes in Les Rasses fanden im Abstand von nur wenigen Tagen statt. Solche Dinge herauszufinden, tagelang zu recherchieren, in Archiven und im Internet zu graben, macht mir grosse Freude. Eine wunderbare Entdeckung war für mich auch ein Foto, das nur kurze Zeit vor der Eröffnung 1913 entstanden war: Auf dem Bild sind alle Handwerker zu sehen, die am Bau des zweiten Traktes mitgearbeitet haben. Ich bin durch Zufall bei einer Internetrecherche auf die Schwarzweiss-Fotografie gestossen, von der ein Abzug in hoher Qualität existiert.

Der Salon mit dem Cheminée, der heute noch als Aufenthaltsraum für die Hotelgäste dient, stammt von 1913. Er verfügt über einen wunderschönen, gemusterten Boden aus Zementplatten, die damals in Mode waren. Ein besonderes Bijou ist das Cheminée mit der Holzverkleidung, das mit kunstvollen Schnitzereien verziert ist. Dieselben Schnitzereien mit Fabelwesen finden sich an den Canapés rechts und links des Cheminées wieder. Für meine Arbeit muss ich mich in die früheren Zeiten hineinversetzen können. Für die Recherchen benutze ich unter anderem alte Postkarten oder Möbelkataloge, die ich im Internet von Sammlern erstehe. Zum Glück gibt es auch historische Studien, die den Zustand der Schweizer Hotellerie erfasst hatten und mit Tausenden von Innen- und Aussenaufnahmen von Hotels bestückt sind. Auch diese Fotos liefern wertvolle Hinweise, um die damalige Zeit nachzuempfinden. Um die Häuser im originalen Stil wieder aufleben zu lassen, arbeite ich mit Trödlern zusammen, die alte Hotelmöbel im Angebot haben. Die Stiftung Hotelarchiv Schweiz besitzt zudem ein eigenes Lager mit historischen Einrichtungsgegenständen, in das ich eintauche.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 5/17

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Hotelarchiv Schweiz

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