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Teamleiter im Europa-Park: Wo die Welt Kopf steht

Loïc Schneider, Teamleiter im Europa-Park

Ich bin im Dreiländereck in Frankreich aufgewachsen, in rund 25 Kilometern Entfernung vom Europa-Park in Rust. Wir sind mit dem Park gross geworden. Als ich ein Kind war, kamen wir mit der Familie mindestens zweimal im Jahr hierher, um uns auf den verschiedenen Achterbahnen zu vergnügen und in die Themenwelten einzutauchen. Damals, als kleiner Bub, hätte ich nicht im Traum daran gedacht, einmal hier zu arbeiten. Als ich später einen Ferienjob suchte, um mein Studium zu finanzieren, ergab sich die Möglichkeit. Schliesslich bin ich eine ganze Saison geblieben und bis heute nicht mehr davon losgekommen; aus dem Ferienjob ist eine Festanstellung geworden. Meine Faszination für Achterbahnen ist auch nach unzähligen Fahrten in schwindelerregenden Höhen ungebrochen. Ich mag einfach die Mischung zwischen Freude und Angst, die man während der blitzschnellen Fahrten mit Kurven, mit Loopings und mit den steilen Auf- und Abfahrten empfindet. Oft komme ich sogar in der Freizeit mit meiner Freundin in den Park; am liebsten an einem Tag unter der Woche, wenn nicht allzu viel los ist.

In den letzten Jahren war ich für das Mitarbeiterteam der Atlantica Super Splash verantwortlich, einer Bahn, die über eine starke Steigung und eine überraschende Rückwärtsfahrt zum Finale hin führt: Die Fahrt endet schnell und spritzig, indem die Boote mit einer Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern rund 30 Meter in die Tiefe sausen. Seit der letzten Saison bin ich jetzt für den Blue Fire Megacoaster zuständig. Jeden Morgen gehen wir die Treppe entlang jeder Bahn hoch und kontrollieren die gesamte Anlage, bevor wir sie öffnen. Die Blue Fire ist eine unserer grössten Attraktionen. Sie beschleunigt innerhalb von 2,5 Sekunden auf 100 Stundenkilometer und verfügt über einen Looping und mehrere andere sogenannte Über-Kopf-Elemente. Nicht jeder verträgt die rasante Fahrt gleich gut, so dass es hin und wieder jemandem schwindlig wird. Meist sieht man das daran, dass die Leute nach der Fahrt aus den Wagen aussteigen und die ersten Schritte im Zickzack gehen. Leider ist es auch schon vorgekommen, dass jemandem während der Fahrt auf der Achterbahn schlecht geworden ist.

Der Europa-Park ist so gross wie etwa 150 Fussballfelder, und über das Jahr zählen wir mehr als 5,5 Millionen Besucherinnen und Besucher. Da kann es an schönen Tagen vor einzelnen Bahnen zu Staus kommen. Unser Ziel ist es zwar, die Wartezeiten für die Gäste möglichst kurz zu halten. Gleichwohl kann es sein, dass man in den Spitzenzeiten über eine Stunde warten muss. Damit die Leute nicht umsonst so lange in der Schlange stehen, gibt es am Eingang der Blue Fire einen Testsitz, denn Personen mit überdurchschnittlich grossem Körperumfang passen nicht in die Sitze. Wir kontrollieren am Eingang auch, ob die Kinder alt und gross genug sind, um die Bahn zu benützen. Das Mindestalter ist 7 Jahre, und die Körpergrösse muss mindestens 1,30 Meter betragen. Es ist nicht immer gleich einfach, Gäste davon zu überzeugen, dass sie oder ihr Kind aus Sicherheitsgründen nicht auf die Bahn dürfen. Dann gibt es mehr oder weniger grosse Diskussionen, aber wir müssen uns durchsetzen. Als nervig empfinde ich das nicht. Man gewöhnt sich dran, und schliesslich macht der Ton die Musik.

Dass die Bahn wegen eines technischen Problems angehalten wird, kommt nur selten vor. Unsere Techniker sind stets auf Pikett und in der Regel innerhalb von fünf Minuten vor Ort. Wenn sie das Problem einmal nicht in nützlicher Frist beheben können, müssen wir die Gäste über Sicherheitsausstiege und Nottreppen evakuieren, bis sie wieder sicheren Boden unter den Füssen haben. Das habe ich aber erst ein paar Mal erlebt. Ein feines Gespür im Umgang mit Menschen ist in meinem Job daher genauso wichtig wie technisches Verständnis. Manchmal müssen wir auch Besucher beruhigen, die über ihren eigenen Mut erschrecken, kurz bevor die Fahrt beginnt.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 6•7/17

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Teamleiter Europa-Park

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