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Bühnenkünstlerin: Bewegt bis in die Zehenspitzen

Nadja Sieger, bewegt bis in die Zehenspitzen

Manche Leute denken, dass ich viel Zeit mit Kraftübungen im Fitnesscenter verbringe. Das tat ich früher. Heute trainiere ich täglich auf der Slackline, was für die Gelenke sehr viel schonender ist. Ich spanne das Band zwischen zwei Bäumen am See, in einem öffentlichen Park oder manchmal auch bei mir zu Hause, wenn das Wetter sehr schlecht ist. Meine Slackline ist dreissig Meter lang, wiegt mitsamt der Haltevorrichtung ein paar Kilos und hat in einer Tasche Platz. Seit ich vor zwei Jahren mit dem Training angefangen habe, nehme ich sie überallhin mit, auch auf die Tourneen mit meinem Bühnenpartner Urs Wehrli von Ursus & Nadeschkin. In den Ferien hänge ich das Band am Meer zwischen zwei Palmen – ein paradiesisches Gefühl. Zu Hause lege ich eine Matte unter die Stelle, wo ich stehe, für den Fall, dass ich das Gleichgewicht verliere. Wenn ich hinunterfalle, weiss ich, dass ich etwas falsch gemacht habe. Dafür brauche ich keinen Personal Trainer. Das Balancieren im Freien hat den Vorteil, dass die Wiese relativ weich ist. Im Winter fühlt sich der gefrorene Boden bei einem Sturz allerdings an wie Beton. Dann muss ich Turnschuhe anziehen. Diese helfen beim Abfedern und verhindern, dass einem in der Kälte die Zehen abfrieren.

Wenn ich auf der Slackline stehe, hefte ich meinen Blick auf den Baum mit der Verankerung. Der Fixpunkt hilft, das Gleichgewicht zu halten. Bis man wie ich auf dem Band stehen, sich drehen, wippen und hüpfen kann, dauert es allerdings seine Zeit. Das Slacklinen habe ich während eines Tanzcamps in Schweden entdeckt. Ich hatte einen Hexenschuss und konnte deshalb nicht beim Tanzprogramm mitmachen. Da sah ich die Slackline und begann zu üben und üben und üben und trainierte mir damit den Hexenschuss weg. Ich habe mich während der ganzen Woche am Baum festgehalten, ihn losgelassen und ihn sofort wieder mit beiden Armen gepackt. Alles an mir wackelte und war extrem zittrig. Der Körper muss sich an die ungewohnten Bewegungen zuerst gewöhnen. Gleichzeitig sagt einem das Unterbewusstsein ständig, dass es eigentlich gar nicht möglich ist, auf dem schmalen Band die Balance zu halten. Diesen inneren Schweinehund muss man überlisten und sich selber beweisen, dass es eben doch geht. Auf der Slackline sind kleinste Muskeln angespannt, die man im Alltag sonst nie braucht. Das bekommt man am nächsten Tag als Muskelkater zu spüren.

Das körperliche Training ist für mich aber nur einer von vielen positiven Aspekten. Ein anderer ist der Einfluss auf die Psyche. In meinem Beruf als Bühnenkünstlerin ist es schwierig, zur Ruhe zu kommen. Die Vorstellungen dauern bis spät abends, danach gibt man Autogramme, trifft die Organisatoren der Veranstaltung und geht zusammen essen. Erst dann fährt man ins Hotel oder nach Hause. Dort stellt sich die Ruhe jedoch nicht sofort ein, und mitunter ist es schwierig, den Schlaf zu finden, wenn der Adrenalinspiegel noch hoch ist. Am anderen Morgen steht man auf, und schon sind wieder neue Ideen gefragt. Auf der Slackline werde ich ruhig, die Gedanken beginnen sich zu entknüpfen, und ich gewinne eine Klarheit und Weitsicht, die ich sonst nirgends erlebe. Manchmal entwickle ich beim Slacklinen auch Ideen für unser Programm. Angst, dass sich diese während des Trainings verflüchtigen, habe ich nicht. Gute Ideen sind hartnäckig und klopfen immer wieder an. Für dieses fokussierte Denken hat man heute sonst fast keine Zeit mehr; wir stehen ständig unter Strom, sind abgelenkt durchs Handy. Von der Slackline fällt ganz einfach runter, wer sich ablenken lässt. Ich trainiere damit sowohl Stabilität als auch Flexibilität. In der Kunst ist es gut, wenn man beweglich ist, denn die Begebenheiten sind nie genau so, wie es vertraglich abgemacht war. Gleichzeitig braucht man Stabilität, um auch gegen Widerstände das zu realisieren, was einem wichtig ist.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 9/17

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Bühnenkünstlerin

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