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Ballettänzerin: Die zertanzten Schuhe

Lou Spichtig. Die zertanzten Schuhe

Als ich mit knapp vier Jahren in Zürich Schwamendingen mit Ballett begann, hätte ich mir nie träumen lassen, je in Australien zu tanzen. Nun bin ich 19 Jahre alt, Company Artist beim Queensland Ballet und lebe in Brisbane an der australischen Ostküste. Das Tanzen ist meine grosse Leidenschaft. Es bestimmt nicht nur meinen Tagesablauf, sondern beansprucht mein ganzes Leben. Tänzerin zu sein, ist meine Identität. Das Ballettfieber hat mich als kleines Kind sofort gepackt. Meine Mutter hatte mich für eine Schnupper-Tanzlektion angemeldet, weil ich zu Hause ständig in Bewegung war, herumturnte und auf alles hinaufkletterte. Also besuchte ich diese eine Ballettstunde – und wollte nicht mehr heimgehen. Ich bin eine Perfektionistin, und im Ballett kann es nie gut genug sein, darum entspricht es mir so sehr. Man kann sich beim Tanzen stets verbessern. Ausserdem bin ich eine eher scheue Person, und das Ballett gab mir schon früh die Möglichkeit, mich mit meinem Körper statt mit Worten auszudrücken. Dazu kommt, dass es mir Freude macht, mich zu Musik zu bewegen. Mir wurde schon oft gesagt, ich sei übereifrig, und tatsächlich wird das Streben nach Perfektion bei mir immer ausgeprägter. Das hat Vor- und Nachteile. Wenn ich zuviel auf einmal leisten will, besteht die Gefahr, dass ich mir eine Verletzung zuziehe. Ich weiss, dass ich die Tendenz habe zu übertreiben, wenn ich etwas gern mache. Aber Ballett ist nun mal mehr als eine Kunstform. Es ist eine Lebensart, die von einem alles abverlangt; man muss alles geben und kann es nicht halbherzig machen. Leider hatte ich schon ein paar Verletzungen, die mich gezwungen haben, eine Zeitlang zu pausieren oder das Training stark zu reduzieren. Erst in dieser Situation wird einem bewusst, wie selbstverständlich man die eigene Gesundheit und Beweglichkeit im Alltag hinnimmt. Ich empfinde jede Verletzungspause als starken Einschnitt, da mir das Ballett sonst sehr viel Halt gibt. Früher hasste ich die trainingsfreien Sonntage, weil sie mir nutzlos vorkamen. Meine Tage sind ziemlich voll und folgen einem strengen Ablauf. In Australien sind wir jeweils von 10 bis 18 Uhr im Studio, und am Abend kommen noch Vorstellungen hinzu. Wenn ich verletzungsbedingt nicht trainieren und auftreten kann, fehlt mir diese Struktur, und ich fühle mich verloren. Das Strukturierte zieht sich im Ballett durch alles hindurch. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass wir in der Gruppe in einer geraden Linie oder an der Stange stehen und alle gleichzeitig exakte Schrittfolgen ausführen. Im Ballett gibt es nichts Spontanes.

Wir bekommen in Brisbane zehn Paar Schuhe pro Monat, und das reicht nicht immer. Während meiner Ausbildung in Zürich zertanzte ich ungefähr ein Paar pro Woche. Die Füsse werden beim Tanzen sehr beansprucht, vor allem bei den Frauen, da wir häufig unser ganzes Körpergewicht auf nur zwei Zehen tragen. Als Tänzerin nimmt man in Kauf, dass die Füsse vielleicht nicht ganz so schön aussehen; sie müssen einfach funktionieren. Zum Training gehört aber nicht nur das Ballett selber. Ich gehe auch ins Krafttraining, um Gewichte zu stemmen, und ich schwimme. Es ist wichtig, auch jene Muskeln zu trainieren, die beim Tanzen nicht so sehr beansprucht werden. Ich muss immer versuchen, meinen Körper, den ich mittlerweile sehr gut kenne, in einer Balance halten.

Trotz der Strenge und Disziplin, die zum Ballett gehören, finde ich nicht, dass die Kreativität auf der Strecke bleibt. Wenn ich auf der Bühne einen von 32 Schwänen darstelle, kann ich natürlich nicht aus der Reihe tanzen. Sobald man aber Solistenrollen bekommt, kann man die Choreographie auch ein Stückweit beeinflussen und sehr viel aus sich herausholen. Sofern ich interessante Rollen erhalte, kann ich mir gut vorstellen, länger in Australien zu bleiben. Man muss aber auch mit dem Gedanken leben können, dass es von heute auf morgen vorbei sein kann.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 10/17

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Ballettänzerin

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