DAS SCHWEIZER MAGAZIN FÜR ARCHITEKTUR, WOHNEN UND DESIGN

Tagesschau-Moderatorin: Achtung, Sendung!

Cornelia Boesch: Achtung Sendung!

Wenn ich im Studio stehe und kurz vor 19.30 Uhr das «Tagesschau»-Signet zu laufen beginnt, befinde ich mich in einem Zustand höchster Konzentration. In diesen Sekunden kurz vor der Sendung muss ich jede Unsicherheit, die ein wenig tiefer gehen könnte, möglichst vermeiden. Allerdings hilft mir beim Ruhigbleiben meine Erfahrung. Ich stelle mir nie vor, es würden gerade jetzt Hunderttausende von Leuten vor dem Fernsehgerät sitzen und zuschauen. Ich sehe mich auch nicht in einer Rolle, als würde ich einen Vortrag halten. Vielmehr habe ich eine persönliche Haltung den Zuschauerinnen und Zuschauern gegenüber. Ich möchte sie auf Augenhöhe ansprechen und ihnen verständlich vermitteln, was an diesem Tag auf der Welt Wichtiges passiert ist.

Das Studio, das wir uns mit der Sendung «10 vor 10» teilen, ist eine künstliche, klimatisierte Welt ohne Tageslicht. Die Einrichtung ist aufs Nötigste reduziert, so dass nichts vom Wesentlichen ablenkt. Wir arbeiten mit Kamerarobotern, die sich lautlos auf Schienen bewegen und von der Regie aus gesteuert werden. Als Moderatorin bin ich verkabelt. Über einen Knopf im Ohr empfange ich Anweisungen wie beispielsweise die Information, in welche Kamera ich blicken muss. In den letzten Minuten vor der Sendung sind wir noch zu dritt im Studio. Die Visagistin bringt letzte Retuschen am Make-up an, während ich mit dem Produzenten, der nebenan in der Regie sitzt, den ganzen Ablauf nochmals durchgehe. Dann verlässt die Visagistin das Studio. Wenn die Sendung beginnt, befindet sich neben mir nur noch die Person im Raum, die den Teleprompter bedient. Sie stellt die Schrift und das Tempo ein, so dass immer die von mir verfassten Texte eingeblendet sind, die zu den jeweiligen Themen gehören. Zur Sicherheit drucke ich mir meine Moderationen vor der Sendung immer aus. Mein Vertrauen in die Technik ist zwar gross, aber nicht absolut. Wenn der Prompter einmal ausfällt, was auch schon vorgekommen ist, bin ich froh um meine Papiere.

Es gibt nicht vieles, das mich während einer Sendung aus der Bahn werfen könnte. Wir von der «Tagesschau» sind ein eingespieltes Team, in dem wie in einem ausgeklügelten, bestens geschmierten Räderwerk jeder Einzelne genau weiss, was er zu tun hat. Im Hintergrund gibt es unzählige Abläufe und Absprachen, die wie am Schnürchen funktionieren müssen, damit die Zuschauer nichts davon wahrnehmen. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen etwas Unerwartetes geschieht. Unvergesslich bleibt mein Zusammenbruch während einer Hauptausgabe vor etwas mehr als zwei Jahren. Ich spürte schon während der Schlagzeilen ganz zu Beginn, dass es mir wirklich schlecht geht, und ich hoffte einfach, die Sendung würde schnell vorbei sein. Mittendrin merkte ich, dass es mir unglaublich schwindlig wird, dann wurde mir schwarz vor den Augen. Die Sendung musste abgebrochen werden, ich habe mich aber schnell wieder erholt.

Höhepunkte sind für mich Live-Momente, in denen ich als Moderatorin meine Flexibilität beweisen kann. Das können unmittelbare, entscheidende Augenblicke sein; etwa eine Schaltung während der letzten Sekunden eines wichtigen Fussballspiels. Da werden grosse Emotionen transportiert. Ich mag es auch, wenn eine Geschichte eine überraschende Wendung nimmt. Es kann sein, dass sich ein Ereignis während der Sendung weiterentwickelt und wir ein zweites Mal zu einem Korrespondenten ins Ausland schalten, um den neuesten Stand der Entwicklung zu erfahren. Obschon ich oft am Bildschirm zu sehen bin, werde ich auf der Strasse selten erkannt. Das mag am Make-up und an der Kleidung liegen, die ich in der «Tagesschau» trage. Zweimal im Jahr wird die Garderobe aufgefrischt und mit Kleidern bestückt, die zur Saison passen. Meine Schuhe sind dagegen stets dieselben. Mit meinen Fernsehschuhen, einem Paar klassischer Pumps, bin ich immer genau gleich gross. Stimmt die Grösse, so stimmt auch die Beleuchtung.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 11/17

Artikel-Download:
Tagesschau-Moderatorin

Artikel teilen
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen
Klicken Sie auf Ihrem Smartphone Zum Home-Bildschirm, um ein Icon der Website dem Startbildschirm hinzuzufügen!