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Filmregisseur: Vom Zauber des Kinos

Rolf Lyssy, Vom Zauber des Kinos

Meine Generation wurde von Kinofilmen geprägt, ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der das Fernsehen in den Anfängen steckte. In meinen Augen ist das Kino eine wichtige kulturelle Institution, gerade in der heutigen Zeit, in der wir eine Art Atomisierung der Gesellschaft erleben. In einer Stadt wie Zürich gibt es bereits mehr Singles als Verheiratete. Ich habe das Kino immer geliebt. Es ist doch etwas ganz anderes, gemeinsam mit anderen einen Film anzuschauen, als alleine daheim vor dem Bildschirm zu hocken. Für mich geht von diesen Bildern auf der grossen Leinwand eine besondere Magie aus; ich mag es, mich diesem Zauber auszusetzen. Als Filmemacher gehören Kinobesuche für mich selbstverständlich zum Alltag. Ich habe mit einigen Freunden seit vielen Jahren ein Kinogrüppchen, das sich jeden Samstag trifft, um gemeinsam einen Film anzuschauen. Der soziale Aspekt ist dabei nicht unwesentlich, nach dem Kinobesuch gehen wir zusammen essen.

Ich bin jetzt über 80 Jahre alt und habe in meinem Leben 16 Filme gedreht. Die eine Hälfte davon sind Dokumentarfilme, die andere Hälfte Spielfilme. Darunter sind Streifen wie «Die Schweizermacher» und «Kassettenliebe» mit Emil Steinberger in der Hauptrolle oder «Leo Sonnyboy» mit Mathias Gnädinger und Christan Kohlund. Ich würde nicht sagen, dass ich ein Perfektionist bin, aber ich bin sehr selbstkritisch, und mein Qualitätsanspruch ist sehr hoch. Dieser Anspruch wurde durch grosse Vorbilder geprägt, etwa durch Woody Allen, den ich für seine Arbeit bewundere. Ich bin der Meinung, dass es im hiesigen Filmschaffen zuviel Mittelmass gibt. Es gibt zu viele Filme, die weder gut noch schlecht sind, mittelmässig eben. Darin steckt etwas sehr Schweizerisches, denn wenn man Erfolg hat hierzulande, ist man suspekt, das habe ich selber erfahren. Bei uns begegnet man oft Missgunst oder Neid, was meiner Meinung nach damit zu tun hat, dass die Schweiz ein kleines Land ist. In den USA beispielsweise ist das anders. Die Vereinigten Staaten haben eine Grösse, die auch die Menschen innerlich nicht einengt.

Die Qualität eines Filmes hängt von vielen Faktoren ab. Bei einem guten Film muss zuerst einmal das Handwerk stimmen. Licht, Kameraführung und Schnitt müssen sorgfältig gemacht sein. Ebenso wichtig ist die Besetzung der Rollen mit den richtigen Schauspielern. Am Drehbuch meines jüngsten Films, «Die letzte Pointe», habe ich zusammen mit meinem Co-Autor Dominik Bernet zehn Jahre lang gearbeitet. Das war einerseits Kopfarbeit, andererseits aber ist das Schreiben eines Drehbuches eine emotionale Sache. Ich muss dabei selber etwas empfinden; die Geschichten, die auf dem Papier entstehen, müssen mich berühren. Das Drehbuchschreiben ist eine langwierige Angelegenheit, es besteht aus einem ständigen Überarbeiten: Man diskutiert, schreibt, nimmt Kritik entgegen, verwirft und schreibt wieder neu. Die Kunst besteht darin, ein Drehbuch zur Drehreife zu bringen. Man muss es also so lange bearbeiten, bis alle Details und Dialoge stimmen. Man muss aber auch den Punkt erkennen, an dem es keine weiteren Retuschen mehr braucht.

In meinen Spielfilmen habe ich stets Themen aufgegriffen, die in der Gesellschaft virulent waren. In «Die Schweizermacher» war es die Einbürgerung, in «Kassettenliebe» die Heiratsvermittlung und nun, in «Die letzte Pointe», sind es Demenz und Sterbehilfe: schwere Themen, die wir in eine Komödie verpackt haben. Mich interessiert das Zusammentreffen von Komik und Tragik, denn wenn sich Lustiges und Trauriges tangieren, wird es substanziell. Für meine Geschichten lasse ich mich vom Leben inspirieren. Mich interessieren die Menschen in meinem Umfeld, ich bin auch kein grosser Science-Fiction-Freund. Der grosse italienische Filmregisseur Francesco Rosi wurde einmal gefragt, woher er seine Ideen nehme. Er antwortete: «Aus der Zeitung.» Genauso geht es mir eigentlich auch.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 2/18

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Filmregisseur

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