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Künstler und Insektenexperte: Auge in Auge mit Sechsbeinern

Daniel Ambühl: Künstler und Insektensammler

Ich finde diese Insekten einfach wunderschön. Der Herkuleskäfer stammt aus meiner eigenen Zucht, er ist einer der weltgrössten und stärksten Käfer überhaupt. Charakteristisch für ihn ist das lange Horn, das zusammen mit einem kleineren Horn auf der unteren Seite eine Art Zange bildet. An beiden Hörnern gibt es winzige, scharfe Zähne, mit denen sich der Herkuleskäfer gegen natürliche Feinde verteidigen kann. Ich hüte mich davor, ihn in die blosse Hand zu nehmen. Würde er mich zwacken, würde zwar kaum Blut fliessen, doch erschrecken würde ich schon. Der Herkuleskäfer ist vor allem in Südamerika verbreitet, wo er auch gegessen wird. Ich züchte in meinem Käferkeller Dutzende weitere Insektenarten. Früher war dies der Kohlekeller des Hauses. An den Wänden habe ich rundum Holzregale befestigt, auf denen Plastikkiste neben Plastikkiste steht. Jede einzelne ist angeschrieben, damit ich den Überblick nicht verliere. Die Temperatur hier drin beträgt konstant 26 Grad, was der Wärme des tropischen Bodens entspricht. Mit Licht, das täglich während 12 Stunden brennt, simuliere ich die Tag-Nacht-Abfolge. Das ist für die Tiere wichtig, die gerade mit der Eiablage beschäftigt sind. Die erwachsenen Käfer füttere ich mit frischen Früchten oder sogenannten Beetle Jellys, die man kaufen kann. Das sind in kleine Plastikbehälter abgefüllte, süsse Fruchtgelees, zum Beispiel mit Bananengeschmack.

Seit in der Schweiz der Verzehr von Mehlwürmern, Grillen und Wanderheuschrecken erlaubt wurde, sind Insekten als Nahrungsmittel auch bei uns ein grosses Thema. Für mich ist diese Entwicklung allerdings unseriös und nicht nachhaltig. In vielen Gegenden der Welt gehört der Verzehr von Insekten zur kulturellen Tradition. Allerdings isst in Thailand oder China niemand Mehlwürmer. Ich finde, es müssten hierzulande noch ganz andere Insektenarten als Lebensmittel zugelassen werden. In meinen Augen müsste es normal sein, dass Leute aus Asien oder Afrika auch hier die Insekten kaufen können, die bei ihnen zu Hause als Spezialität gelten. Die Situation heute ist so, als ob es für Schweizer in Hongkong verboten wäre, Käse zu essen. Zu den weltweit am häufigsten verzehrten Insekten gehören Bienen, Wespen, Hornissen und Seidenraupen. Ich habe selber schon Wespenlarven aus einem Nest gegessen, das ich auf der Terrasse unseres Hauses entdeckt hatte. Zuerst habe ich das Nest 24 Stunden lang tiefgefroren. Anschliessend nahm ich es auseinander, befreite die Larven von den Wabenzellen und kochte sie in der Bratpfanne mit etwas Sojasauce. Bei Insekten ist es wie mit allen anderen Nahrungsmitteln: Wenn sie ganz frisch sind und gut zubereitet wurden, dann schmecken sie auch. In Thailand habe ich einmal gebratene Mistkäfer gegessen, die eigentlich fürchterlich stinken. Vor dem Kochen liess man sie im Wasser schwimmen, wo sie ihren Darm entleerten. Ich fand sie fein, finde aber grundsätzlich, dass jeder selber wissen muss, was er essen will. Nicht alle müssen Insekten mögen. In anderen Weltgegenden ist der Verzehr von Insekten eine Frage der Nahrungssicherheit, wie die Welternährungsorganisation der UNO festgehalten hat. Ich engagiere mich in einem Projekt in Afrika, in der demokratischen Republik Kongo. Die Bevölkerung dort isst traditionellerweise die Raupen verschiedener Nachtfalter. Allerdings findet man diese Raupen heute fast nur noch auf den grossen Märkten, da die Wälder mit den Futterpflanzen für die Kohleproduktion abgeholzt wurden. Ziel des Projektes sind die Wiederaufforstung und die Zucht der Raupen. Durch die Wiederansiedlung der Nachtfalter würde die lokale Bevölkerung ein wichtiges Nahrungsmittel zurückbekommen. Insekten enthalten viel Protein, Mineralstoffe und Fett. Auch ich musste mich am Anfang überwinden, sie zu essen. Inzwischen ist mir der Geschmack aber wichtiger als die Ästhetik.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 3/18

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