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Veterinär: Millimeterarbeit am Gebiss

Dominique G. Wyss, Veterinär

Ich habe einen besonderen Draht zu meinen Patienten. Den brauche ich auch, denn sie können mir ja nicht sagen, wo es ihnen weh tut. Pferde sind klassische Fluchttiere, die, wenn immer möglich, keinen Schmerz zeigen. Sie leiden im Stillen. Wenn sie nicht mehr richtig fressen oder das Futter wieder auswerfen, kann dies ein Zeichen für starke Zahnschmerzen sein. Manchmal spüren feinfühlige Reiterinnen oder Reiter, dass ihr Pferd die Zügel nicht wie gewohnt annimmt. Wenn das Pferd während längerer Zeit vermehrt auf einer Gebissseite kaut, kann es sein, dass die Kauflächen unregelmässig abgenutzt werden. Zahnschmerzen, Muskelverspannungen oder Haltungsveränderungen können die Folgen davon sein. Schwierigkeiten bereiten auch Zahnspitzen, welche die Mundschleimhaut verletzen, was sehr schmerzhaft sein kann und beim Fressen einschränkt. Leider entdeckt man grössere Schäden am Pferdegebiss häufig erst dann, wenn das Pferd schon unter starken Schmerzen leidet, sich ein Zahn gelöst oder sich eine eitrige Entzündung gebildet hat und nichts anderes mehr übrig bleibt, als einen Zahn zu ziehen. Darum ist es empfehlenswert, auch bei Pferden jährlich eine Gebiss- und Zahnkontrolle durch einen dafür spezialisierten Tierarzt durchführen zu lassen. Den Reaktionen der Pferde entnehme ich, dass sich Zahnschmerzen auch für einen Vierbeiner wie eine Art Stromstoss anfühlen müssen, dem man sich nicht entziehen kann.

In den heutigen Ställen herrscht mehr oder weniger Aussentemperatur; im Winter sinkt die Temperatur unter null Grad. Zu viele Kleider kann ich nicht anziehen, weil ich beweglich bleiben muss. Meist arbeite ich auch ohne Handschuhe, da ich meine, so mit meinen Fingern eine bessere Sensibilität zu erreichen. In den USA habe ich mir vor ein paar Jahren ein Wärmegilet gekauft, das ich zum Aufheizen an den Strom anschliessen kann. Im Sommer ist es umgekehrt, da komme ich bei der Arbeit zum Teil richtig ins Schwitzen. Sie ist körperlich anstrengend und gefährlich. Während der Behandlung muss ich stets wachsam sein, obwohl ich die Pferde sediere. Ich habe schon erlebt, dass ein 600-Kilogramm-Pferd plötzlich auf mich zugestürzt ist: ein brenzliger Moment. Die Tiere werden durch die Sedierung nicht etwa in eine Narkose versetzt, sondern lediglich ruhiggestellt. Das Medikament verabreiche ich intravenös, mit einer Spritze in die Halsvene. Die Tiere bleiben auf allen Vieren stehen, nehmen das Geschehen aber nur noch gedämpft wahr und lassen den Eingriff geschehen. Je nach Diagnose verabreiche ich dem Patienten auch Schmerzmittel. Die Vorbereitung im Stall nimmt ungefähr eine Viertelstunde in Anspruch. Ich stelle ein Campingtischchen auf und breite darauf ein Frotteetuch mit den Instrumenten aus. Unter ihnen befinden sich mehrere diamantbestückte Werkzeuge, mit denen die Zähne millimetergenau behandelt werden können. Für die Zahnbehandlung brauche ich die Unterstützung der Pferdebesitzerin oder des Pferdebesitzers. Dieser steht nahe beim Pferd und hilft mir, den Kopf, im Halfter ruhend, zu stabilisieren. Die Zahninstrumente sowie die Geräte zum Spülen des Mauls mit Wasser oder zum Absaugen von Zahnstaub sind den Instrumenten nachempfunden, die wir Menschen vom Zahnarzt kennen. Für die Pferde sind sie einfach viel grösser. Einige davon habe ich selber entwickelt, da es nichts Passendes auf dem Markt gab und Ersatzteile schwer zu beschaffen sind.

Meine Arbeit fordert mich mit allen Sinnen: Ich muss hören, fühlen, sehen, riechen, und gleichzeitig eine innere Ruhe ausstrahlen, um die Spannung für Pferd und Besitzer möglichst gering zu halten. Das Faszinierendste an dieser Tätigkeit ist für mich, den Pferden zu helfen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Durch meine Arbeit habe ich schon viele gute und liebe Pferde vor dem Schlachthaus bewahrt.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 4/18

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Veterinär

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