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Hair and Make Up-Stylystin: Ganz schön natürlich

Andrea Kummler, Hair and Make Up-Stylystin

Mein Job ist unglaublich vielseitig und abwechslungsreich, denn ich arbeite an den unterschiedlichsten Locations. Das geht vom Sitzungszimmer der Grossbank über das Atelier der Modedesignerin und das Fotostudio bis hin zur Berghütte oder zum Gipfel des Jungfraujochs. Ich muss an den unmöglichsten Orten das Beste aus der Situation machen, auch wenn es in einer unterirdischen Toilette ohne Fenster und Tageslicht ist, wo ich in gebückter Haltung arbeiten muss. Für den Fall, dass es an einem Einsatzort im Winter bitter kalt ist, bin ich mittlerweile sehr gut mit warmen Kleidern und guten Schuhen ausgerüstet.

Meine Aufgabe ist es, Menschen in dem Style zu schminken und zu frisieren, wie es der Auftraggeber will. Bei einem Fotoshooting in einem Unternehmen, zum Beispiel für einen Geschäftsbericht, sollen die Porträtierten möglichst sympathisch aussehen. Der Trend geht seit einigen Jahren in Richtung Natürlichkeit. Make-up ist zwar erwünscht, aber der Look soll möglichst authentisch bleiben. Vor dreissig Jahren, als ich in der Ausbildung war, wurden Sommersprossen als Schönheitsfehler betrachtet, darum mussten sie überschminkt werden. Heute ist das längst nicht mehr so, der Zeitgeist ändert sich. Ich muss versuchen, Unvorteilhaftes weniger sichtbar zu machen und das Vorteilhafte zu betonen. Mit der Zeit weiss man, wie das geht. Es gibt Tricks, die eine breite Nase schmaler oder ein Doppelkinn weniger ausgeprägt wirken lassen. Doch es geht nicht immer nur darum, möglichst nahe an ein Schönheitsideal zu kommen. In der Werbung kann der Auftrag auch mal lauten, einen Mann wie einen Bösewicht aussehen zu lassen.

Ich muss mich sehr genau an den Vorgaben der Kunden orientieren; viel Freiraum für eigene Interpretationen bleibt nicht. Früher bekam ich oft ein Layout, ein von Hand gezeichnetes Bild, um mich auf ein Shooting vorzubereiten. Heute wird vieles mündlich kommuniziert, und ich muss mich vor Ort sehr rasch in die Situation eindenken. Überhaupt spielt der Zeitfaktor eine grosse Rolle. Alles muss schnell gehen, vor allem, wenn es um Wirtschaftsvertreter oder hohe Politiker geht, die einen straffen Terminplan haben. Ein früherer Bundesrat musste einmal innerhalb von zehn Minuten fotografiert werden. Er kam fünf Minuten zu spät, so dass mir nur ein, zwei Minuten blieben, um ihn zu schminken. Meine Aufgabe wurde dadurch erschwert, dass er viele Sonnenflecken hatte. Männer zieren sich manchmal, wenn ich ihnen das Gesicht pudern will, damit sie auf einem Foto nicht glänzen. Dann lasse ich es halt bleiben. Frauen dagegen freuen sich meistens, dass ihnen jemand Aufmerksamkeit schenkt und sie schminkt und frisiert. Von Frauen bekomme ich am meisten Lob; oft höre ich, seit der Hochzeit habe sich niemand mehr so viel Mühe für ihr gutes Aussehen gegeben.

Meine Utensilien sind in einem Rollkoffer und einem Rucksack verstaut, denn ich bin immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Ich besitze unzählige Lippenstifte, Lidschatten und Puder in verschiedenen Farbtönen. Auch Nagellack habe ich dabei, denn es kommt vor, dass am Set in letzter Sekunde gewünscht wird, dass ich Nägel lackiere. Das habe ich, neben dem Haareschneiden, in meiner Ausbildung als Coiffeuse gelernt. Später habe ich eine Make up-Schule in London besucht. Dass ich professionell Haare schneiden und frisieren kann, kommt mir jeden Tag entgegen. Bei vielen Shootings sind die Haare die grösste Herausforderung. Manchmal sind sie so fein, dass sie sich kaum in Form bringen lassen. Ein andermal sind die Fransen nur um Millimeter zu kurz, um sie hinter die Ohren zu streichen. Dann wieder muss ich jemandem vor Ort noch schnell einen neuen Haarschnitt verpassen. Viele wollen von mir wissen, welches die berühmteste Person war, die ich je geschminkt habe. Es war Roger Federer. Er war völlig unkompliziert, ich habe das Treffen als sehr angenehm in Erinnerung.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 6•7/18

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