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Rekordtaucher: Wie ein Fisch im Wasser

Rekordtaucher, Peter Colat

Durch meine Welterfolge als Apnoe- oder Freitaucher bin ich ein interessantes Forschungsobjekt für Wissenschaftler. Ich wurde schon mehrmals an die Universität Freiburg eingeladen, um bei verschiedenen Tests mitzumachen, und einmal schickten sie mich sogar ins Schlaflabor. Wenn es der Medizin dient und jemandem hilft, mache ich da gerne mit. Als Gegenleistung bekomme ich jeweils alle Auswertungen. Ich weiss, dass ich von Natur aus ein Lungenvolumen von 8 Litern habe. Normal sind bei einem Mann meiner Grösse 5 bis 6 Liter. Durch die sogenannte Karpfentechnik kann ich weitere 5 Liter Luft in meine Lunge pumpen, so dass sie am Ende 13 Liter fasst. In der Disziplin Statisch-Tauchen bin ich mit 21 Minuten und 33 Sekunden Weltrekordhalter. Dabei geht es darum, möglichst lange ruhig unter Wasser zu liegen, ohne auftauchen zu müssen. Zum grössten Teil ist das Kopfsache. Ich muss darauf vorbereitet sein, den Atemreiz zu unterdrücken, der nach einer gewissen Zeit unweigerlich kommt. Während des Tauchens versuche ich, mich möglichst gut zu entspannen und positiv zu denken. Ich kann das ziemlich gut, ich bin auch im sonstigen Leben ein Optimist. Wenn das Seewasser im Winter kalt ist, braucht es am Anfang auch für mich etwas Überwindung. Beim Statisch-Tauchen halte ich die Augen immer geschlossen. Beim Strecken-Tauchen unter Eis geht das natürlich nicht, da ich das Führungsseil, das unterhalb der Schwimmstrecke gespannt ist, jederzeit im Blick haben muss. Markierungen am Seil zeigen an, wo sich die Löcher im Eis befinden, durch die ich auftauchen könnte. Während ich möglichst weit schwimme, rede ich mir selber gut zu und versuche, mich zu motivieren. Gleichzeitig muss ich darauf achten, im Rhythmus zu bleiben. Wichtig ist, nicht zu schnell oder hektisch zu schwimmen, sondern ein regelmässiges, ruhiges Tempo zu halten. Im Januar habe ich in Österreich gleich drei neue Guinness-Weltrekorde im Streckentauchen unter Eis aufgestellt, auf die ich besonders stolz bin. Mit Tauchanzug und Flosse habe ich im zwei Grad kalten Wasser eine Strecke von 155,4 Metern zurückgelegt, mit Anzug ohne Flosse 110,2 Meter, und ohne Anzug und ohne Flosse erreichte ich 80 Meter – so viel wie niemand zuvor.

Es war ein Zufall, dass ich diese besondere Fähigkeit vor rund zwanzig Jahren an mir entdeckte. Ich war damals mit ein paar Freunden in Griechenland in den Ferien. Irgendwann begannen wir, im Hotelpool unter Wasser die Luft anzuhalten und die Zeit zu messen. Die ersten Kollegen tauchten nach 30 oder 40 Sekunden wieder auf. Ich kam als Letzter wieder hoch, nach 2 Minuten und 30 Sekunden. Da fiel mir ein, dass uns der Lehrer früher einmal gesagt hatte, 3 Minuten ohne Luftholen überlebe kein Mensch. Das war meine Herausforderung, und am Ende dieser Griechenland-Ferien schaffte ich es, 3 Minuten und 20 Sekunden unter Wasser zu bleiben. Als ich wieder zu Hause war, informierte ich mich, welche Sportart ich mit diesen Voraussetzungen ausüben könnte. So stiess ich aufs Apnoe- oder Freitauchen. Ich ging die Sache vollkommen unbeschwert an, begann zu trainieren und die ersten internationalen Wettkämpfe zu bestreiten. Ich habe in der Schweiz Pionierarbeit geleistet, die Sportart wurde immer bekannter. Heute gibt es eine richtige Szene, die sich manchmal an einem See trifft. Ich gebe auch Kurse, in denen ich meine Erfahrungen und Tricks weitergebe. Viele denken, ich würde mich hundertprozentig dem Sport widmen, dabei ist es mein Hobby. Ich habe Architektur studiert und arbeite als Projekt- und Bauleiter.

Beim Freitauchen habe ich meinen Körper extrem gut kennengelernt. Ich nehme sofort die kleinsten Anzeichen wahr, wenn ich übermüdet und nicht ganz fit bin. Dann muss ich mich selber zurücknehmen. Wenn ich unter Wasser ohnmächtig werde, kann es vorbei sein. Darum ist es lebenswichtig, dass ich meine eigenen Grenzen nicht überschreite.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 8/18

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Wie ein Fisch im Wasser

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