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Strahler: Im Tal der Kristalle

André Gorsatt, Strahler

Ich war acht Jahre alt, als ich begann, Mineralien und Kristalle zu suchen. Mein Onkel verbrachte den Sommer jeweils auf der Alp, wo ich ihn besuchen durfte. Am Abend hatte ich immer die Hosensäcke voller Kristalle. Das Binntal, meine Heimat im Wallis, wird nicht von ungefähr auch Tal der Kristalle genannt; es gibt hier über 200 verschiedene Mineralien. Bekannt ist die Grube Lengenbach, wo in der Vergangenheit einige international bedeutende Funde gemacht wurden. Als Kinder suchten wir dort nach Dolomitgestein mit Pyrit, sogenanntem Katzengold. Die Steine mit den goldig glitzernden Einschlüssen verkauften wir für wenig Geld an die Touristen. Mit meinen Kristallen, die ich auf der Alp gefunden hatte, war ich im Vorteil gegenüber den anderen Kindern, denn die Kristalle waren beliebter als der Pyrit aus der Grube.

Als ich das Strahlen zum Beruf machte, war ich Mitte 20. Eine Zeitlang hatte ich zuvor als Zöllner in Basel gearbeitet. Ich hätte mir gewünscht, als Grenzwächter in die Berge versetzt zu werden. Als das nicht klappte, kündigte ich, kehrte ins Binntal zurück und begann professionell mit dem Strahlen. Gleichzeitig baute ich mein Mineralienmuseum auf, in dem heute über 1000 Einzelstücke ausgestellt sind. In jungen Jahren war ich in den Wintermonaten als Skilehrer im Aletschgebiet tätig, um Geld zu verdienen. Das Museum ist mein Lebenswerk. Die in ihrer Vielfalt einzigartige Sammlung umfasst meine eigenen Funde aus dem Binntal, aber auch Mineralien aus der ganzen Welt. Viele davon stammen aus Einzelsammlungen, die ich von Kollegen aufgekauft habe. Ich war aber selber auch in zahlreichen verschiedenen Ländern wie den USA, Brasilien, Peru und in ganz Europa als Strahler unterwegs. Mein Lieblingsstück im Museum ist ein kupferhaltiger Aquamarin, den ich hier im Tal gefunden habe. Es ist ein sehr seltener, ausserordentlich schöner Stein, der chemisch analysiert und als Neufund taxiert wurde, was mich besonders stolz macht. Mein ganzes Wissen habe ich mir als Autodidakt angeeignet. 2016 hat mir die Universität Basel in Anerkennung meiner Verdienste in der Mineralienforschung den Ehrendoktortitel verliehen. Das war für mich eine grosse Freude und Genugtuung. Den Titel habe ich mir einerseits durch das Studium der Literatur verdient, anderseits aber auch durch meine herausragenden Funde. Hier im Binntal kenne ich fast jeden Quadratmeter. Ich habe Exkursionen in die entlegensten Flecken unternommen. Früher biwakierte ich manchmal eine ganze Woche lang am Berg und erlebte dabei abenteuerliche Geschichten. Mehr als einmal zog ein heftiges Gewitter auf, oder es gab Kälteeinbrüche, so dass am Morgen dreissig Zentimeter Neuschnee vor dem Zelt lagen. In der Jugendzeit bin ich zweimal beim Strahlen abgestürzt. Einmal verlor ich das Gleichgewicht, rutschte etwa 150 Meter weit über einen Gletscher und landete mit Wucht auf den Felsen. Der Arzt brauchte danach drei Stunden, bis er mich zusammengeflickt und die vielen Schnittwunden genäht hatte.

Um das Strahlen erfolgreich zu betreiben, braucht man eine spezielle Beziehung zur Natur. Ich lese einen Fels wie die Zeitung; wenn ich ihn betrachte, kann ich mit 90-prozentiger Sicherheit sagen, ob es sich lohnt, zu graben. Besonders zu konzentrieren brauche ich mich nicht, diese Fähigkeit habe ich einfach im Blut. Ich behandle jeden Fels mit Ehrfurcht und arbeite ausschliesslich mit Hammer, Meissel und Strahlstock. Ein Gestein zu sprengen, käme für mich nicht in Frage, man richtet dabei nur Zerstörung an. Zuweilen teile ich mein Wissen bei geführten Privatexkursionen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, wobei ich freilich nicht ganz jedes Geheimnis preisgebe. Einen Fels zu lesen, kann man sowieso nicht lernen: Entweder man besitzt wie ich die Begabung oder man besitzt sie nicht.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 9/18

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