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Partnervermittlerin: Starthilfe für die Liebe

Kathrin Grüneis, Partnervermittlerin

Mein Büro befindet sich an bester Lage im Zentrum von Zürich, fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Ich habe mich in einem unauffälligen Geschäftshaus eingemietet, auf demselben Stockwerk wie ich arbeiten ein paar Treuhänder. Die Umgebung ist sehr diskret. Das ist ideal in dieser Branche, denn nicht jeder, der sich für eine Partnervermittlung entscheidet, will offen dazu stehen. Manchen ist es schon peinlich, wenn sie draussen auf dem Flur ein paar Minuten warten müssen, weil sie befürchten, von jemandem gesehen zu werden. Interessentinnen und Interessenten können sich häufig selbst nicht gut eingestehen, dass sie bei der Partnersuche Unterstützung beanspruchen. Ich kann dieses Gefühl nachvollziehen. In unserer Gesellschaft streben alle nach Perfektion, da fällt es nicht immer leicht, zuzugeben, dass man Single ist. Mit 35 Jahren war ich selber Kundin einer Partnervermittlung. Ich war dann auch einige Jahre in einer Beziehung und fand, ich hätte mein Geld schon dümmer ausgegeben. Ich habe festgestellt, dass es in der Schweiz schwierig ist, Kontakte zu knüpfen. Die Schweizerinnen und Schweizer sind in der Regel sehr zurückhaltend. Aber ich gebe zu: In Bayern, wo ich herkomme, ist es auch nicht einfacher.

Ich weiss, dass es Partnervermittler gibt, die ihre Kundinnen und Kunden in Hotelbars treffen oder zu Hause besuchen. Für mich käme das nie in Frage. Eine Hotelbar bietet für ein solches Gespräch zu wenig Diskretion, und wenn ich Männer daheim besuchen müsste, wäre mir unwohl; man weiss ja nie, was einen erwartet. Ganz am Anfang meiner Selbstständigkeit hatte ich einmal ein skurriles Erlebnis: Ein Mann hatte mein Foto mit dem Hinweis auf meine Tätigkeit in einem Inserat gesehen. Er rief mich an, wir wechselten ein paar Worte, und sehr schnell war mir klar, dass er einen Begleitservice suchte. Die Verwechslung war aufgrund von Sprachproblemen entstanden.

Heute umfasst mein Netzwerk rund 700 bis 800 Frauen und Männer, die ich aktiv vermittle. Eine Erfolgsgarantie kann ich nicht geben, aber ich versuche, jede Person mit ihren Interessen und Bedürfnissen schon beim ersten Treffen so gut wie möglich zu erfassen. Die Gespräche nehmen mitunter einen sehr persönlichen Verlauf und brauchen Platz, darum hat mein Büro weisse Wände, ist neutral eingerichtet und nicht überladen. Am besten gefällt mir, dass der Raum dank den grossen Fenstern sehr hell ist. Während ich mit den Leuten spreche, orientiere ich mich an einer Fragenskizze. Ich stelle fest, dass die meisten sehr hohe Ansprüche an einen Partner haben, was manchmal auch etwas realitätsfremd wirkt. Wenn ich sehe, dass jemand seine Chancen auf eine Beziehung durch allzu strenge Anforderungen einschränkt, sage ich das offen. Sex ist in diesen Gesprächen meist auch ein Thema; schliesslich ist das ja der Antrieb für alles. Frauen wie Männer vertrauen mir auch intime Dinge an. Ich hatte einmal eine Interessentin, deren Mann sich plötzlich für homosexuelle Beziehungen interessierte. Da flossen Tränen, denn für die Frau war das ganz schlimm. Wenn ich denke, zwei Menschen könnten sich verlieben, gebe ich beiden den Vornamen, die Handynummer, den Wohnort und ein paar Hobbys des anderen an. Ich empfehle ihnen, zusammen essen zu gehen, und nehme an, dass der Herr die Dame anruft. Während eines Essens kann man sich schon recht gut kennenlernen: Man sieht, was der andere mag, wie er isst und wie er sich benimmt. Wenn nichts draus wird, hat man auch nichts verloren. Ich habe meinen jetzigen Mann auf einer Party kennengelernt. Ein Kollege von mir wusste, dass er frisch getrennt war und meinte zu mir, da sei ein «Kunde». Aktiv auf Partnersuche war er damals zwar nicht, doch wir merkten, dass wir bei allen Unterschieden gut zusammenpassen.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 10/18

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Starthilfe für die Liebe

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