DAS SCHWEIZER MAGAZIN FÜR ARCHITEKTUR, WOHNEN UND DESIGN

Tierpräparatorin: Vorgetäuschtes Leben

Sabrina Beutler: Tierpräparatorin

«Ich will mich im Präparat nicht zu erkennen geben, meine eigene Handschrift muss verschwinden.»

Manchmal beherberge ich riesige Viecher in meinem Atelier. Vor ein paar Jahren montierte ich hier drinnen ein Walskelett für ein deutsches Museum. Obwohl es sich nur um ein Zwergwal-Skelett handelte, war es rund achteinhalb Meter lang. Ich musste zuerst ein Gerüst konstruieren und aufbauen, um das Tier in seiner ganzen Grösse aufhängen zu können. Die Montage glich der Tätigkeit eines Bergsteigers; ich kletterte auf dem Gerüst herum, bis jeder Knochen am richtigen Platz montiert war. Je nach Auftrag muss ich im Atelier sehr viel Raum schaffen können. Darum stehen die meisten Möbel auf Paletten oder besitzen Rollen und sind verschiebbar. Weil der alte Industriebau nicht isoliert ist, kann es hier drin während des Winters sehr kalt und im Sommer recht heiss werden. Dafür ist es wegen der grossen Fenster sehr hell, und ich habe meinen eigenen Eingang. Das ist wichtig wegen der Arbeitshygiene; schliesslich tragen die Leute hier tote Füchse oder Vögel hinein.
Zu meinen Auftraggebern gehören Private, die im Wald ein totes Wildtier, wie zum Beispiel ein Eichhörnchen, gefunden haben oder den Kadaver eines Mäusebussards oder einer Schleiereule vorbeibringen. Hin und wieder kommen auch Städter zu mir, die nichts mit Natur und Tieren am Hut haben, bis ein Vogel gegen eine ihrer Fensterscheiben fliegt und stirbt. Für manche ist dies dann das erste Mal, dass sie ein Tier von Nahem betrachten und von seinem Gefieder ästhetisch berührt sind. Plötzlich verspüren sie das Bedürfnis, den Vogel präparieren zu lassen und zu Hause auf einem Sockel in Szene zu setzen. Bevor ich mich an einem Wildtier zu schaffen mache, muss der Fund aber immer beim Kanton gemeldet werden, und ich muss eine Bewilligung zum Präparieren einholen. Zu meinen Auftraggebern zählen auch Schulen, die ihre Sammlung mit einzelnen Tieren ergänzen oder Teile davon restaurieren lassen wollen. Sehr alte Präparate sind häufig mit giftigen Insektiziden wie Arsen behandelt, wobei die Raumbelastung in der Regel unter der Nachweisgrenze liegt. Die Objekte sollte man ohnehin nicht berühren, so dass einem auch nichts passieren kann. Viele alte Bestände sind aber auch sehr wertvoll. Man muss also unbedingt verhindern, dass in Panik ganze Kulturschätze vernichtet werden. Neuere Präparate, die professionell hergestellt wurden, sind alle giftfrei.
Der Hirsch, den ich jetzt gerade im Atelier habe, gehört dem Naturmuseum Solothurn. Er ist fast fertig; ich bin noch damit beschäftigt, die Haut um die Augen, an der Nase, den Lippen und in den Ohren nachzukolorieren. Mit Airbrush-Technik wird die lebensechte Färbung der Haut in Schichten wieder hergestellt. Schon mit dem Tod ist die natürliche Farbe aus dem Tier gewichen, nach Gerbung und Trocknung des Leders ist nichts mehr davon übrig. Der Hirsch wird dann in einer Museumsvitrine neben anderen Waldtieren ausgestellt. Als Präparatorin trage ich eine grosse Verantwortung, denn dieser Hirsch soll den Durchschnitt seiner Spezies möglichst gut repräsentieren. Er wird den Museumsbesuchern eine Begegnung mit einem Wildtier ermöglichen, die ihnen sonst verwehrt bliebe. Ich will mich im Präparat nicht zu erkennen geben, meine eigene Handschrift muss verschwinden. Psychologisch gesehen erfüllt das Präparat einen wichtigen Zweck, obwohl es sich eigentlich nur um eine Skulptur mit gegerbtem Fell handelt. Die Körper der Tiere werden aus Polyurethan oder wie früher aus einem Gips-Kork-Gemisch, aus Holz oder Holzwolle modelliert und je nachdem abgegossen. Darüber wird die gegerbte Haut mit Stecknadeln fixiert, verklebt und zusammengenäht. Neben dem Hirsch bearbeite ich gerade ein Schneeschaf, das ein Kunde auf der Jagd in Russland erlegt hat. Jedes Tier ist anders, ein Unikat. Ich habe immer nur diesen einen Versuch, und ich darf nicht scheitern, das ist durchaus eine Belastung. Diese permanente Produktion von Prototypen macht die Arbeit aber auch spannend.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 12/18•1/19

Artikel-Download:
Vorgetäuschtes Leben

Artikel teilen
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen
Klicken Sie auf Ihrem Smartphone Zum Home-Bildschirm, um ein Icon der Website dem Startbildschirm hinzuzufügen!