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Zen-Priester: Die Magie der Ruhe

Vanja Palmers, Zen-Priester

«Es braucht Übung, während der Meditation den Blick nach innen zu lenken.»

Mit unserem Zen-Tempel und dem Seminarhaus Felsentor auf der Rigi haben wir einen Ort der Stille und Begegnung geschaffen. Der historische Kraftort Felsentor liegt in einer wild-romantischen Umgebung auf 1130 Metern über Meer, mit Sicht auf den Vierwaldstättersee und die Alpen. Wir veranstalten hier buddhistische und andere Retreats, Kurse und offene Meditationen, führen das Seminarhaus mit Hotelbetrieb und betreiben eine Gastwirtschaft mit Garten. Zuerst haben wir das Seminarhaus saniert, dann den Tempel gebaut. Weil keine wirkliche Strasse hierher führt, haben wir während der Bauzeit den Grossteil der Transporte mit dem Helikopter getätigt. Das Leben ist nicht ohne Widersprüche und Ironie: So viel Lärm, um einen Raum der Stille zu erschaffen!

Den Zen-Tempel, der fast ein bisschen versteckt zwischen riesigen Felsbrocken hinter dem Haupthaus steht, hat ein amerikanischer Freund entworfen. Er ist Architekt und Zen-Lehrer, lebte jahrelang in Japan, studierte dort Tempelbau und leitete den Bau von Zendos auf der ganzen Welt. Die Holzkonstruktion dieses Gebäudes entspricht in vielen Facetten der klassischen asiatischen Tradition – die tragenden Elemente sind zum Beispiel durch Holzverbindungen zusammengefügt, ohne Nägel oder Eisen. Gleichzeitig sind aber auch westliche Einflüsse ablesbar. Der Architekt hat einige Merkmale der lokalen Bauart, wie etwa die Ausprägung der Dachschrägen, in seinen Entwurf mit einbezogen. Die Mitglieder der örtlichen Baukommission haben zuerst ein paar Mal leer geschluckt, sie würdigten aber schlussendlich die Qualität des Bauwerks. Die östliche Sprache der Architektur ist Spiegel und Ausdruck der kulturell-religiösen Begegnung, die an diesem Ort stattfindet.

Das Herzstück des Tempels ist die Meditationshalle. In ihr sitzen wir – schweigend, aufrecht, unbeweglich – wie ein Berg. Der Raum soll nicht zu hell und nicht zu dunkel, nicht zu kalt und nicht zu warm sein, eine gewisse Höhe gibt Luft zum Atmen. Um die Aufmerksamkeit nach innen zu unterstützen, ist der Raum sehr schlicht, es gibt keine Bilder an den Wänden, und die Fenster sind mit Soji's aus milchigem Papier abgedeckt. Der die Halle umlaufende Balkon, der durch ein Vordach gedeckt ist, wird für die Gehmeditationen genutzt. Beim sogenannten Zazenkai, dem Tagessitzen, und im fünf bis sieben Tage dauernden Sesshin wechseln sich Sitz- und Gehmeditation in regelmässigem Muster ab.

Es braucht Übung, während der Meditation den Blick nach innen zu lenken und die Aufmerksamkeit dort eine Weile zu halten, vielleicht sogar ganz zur Ruhe zu kommen. Eine angenehme, schöne, ruhige äussere Umgebung, wie wir sie hier haben, kann diesen Prozess, diesen Weg nach innen unterstützen. Mit etwas Übung gelingt es dann, diese Verbindung zum eigenen Innern auch im Chaos des täglichen Lebens nicht ganz zu verlieren, und auch in einer U-Bahn-Station oder einer anderen sehr hektischen, lauten Umgebung einen Draht zum ruhigen, heiter-gelassenen Beobachter zu bewahren. Freilich gelingt einem das nicht immer, aber wenn man es übt, wird es zur Gewohnheit, und dadurch wird es leichter. Kleine Rituale können helfen, diesen Zustand zu verinnerlichen, etwa indem man jeden Morgen nach dem Aufwachen eine Kerze anzündet, sich ein paar Minuten Zeit nimmt, um innezuhalten. Oder indem man vor dem  Rotlicht an der Ampel oder beim Schlagen der Kirchenglocken dreimal bewusst atmet. So kann sich jeder seine eigenen Freiräume schaffen. Es gibt Leute, denen das leichter fällt als anderen, aber im Prinzip kann es jeder, genauso wie jeder singen, springen und malen kann. Jeder kann es kultivieren und üben, egal, wie begabt man ist. Sich voller Energie und dankbar auf das einzulassen, was die innere und äussere Welt gerade von uns verlangt, ohne sich selber allzu wichtig zu nehmen: Diese Balance zu finden, gehört zur hohen Kunst des Lebens.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 3/19

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Die Magie der Ruhe

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