Der aus Müll Design macht

Ganz nach dem Motto «Nach kaputt kommt schöner» arbeitet der Niederländer Dirk van der Kooij. Schon im Designstudium werkelte er an einem 3D-Drucker, der geschreddertes Plastik in ausdrucksstarke Möbel und Leuchten verwandeln kann. Heute verkauft er sein hervorragend umgestaltetes Altplastik in alle Welt – und macht uns so klar, dass die Dinge nicht neu sein müssen, damit ihnen ein Zauber inne wohnt.

Ein Tisch, ein Kunstwerk, ein Statement: Jeder «Meltingpot-Table» sieht anders aus. Und ist das Ergebnis von Re-Recycling, denn als Ausgangsmaterial dienen wiederverwendete Prototypen oder verunglückte 3D-Drucke aus der hauseigenen Werkstatt. Die Farbpalette konzipiert Dirk van der Kooij auf Kundenwunsch, so dass der Tisch am Ende perfekt zum Interieur passt.
Ein Tisch, ein Kunstwerk, ein Statement: Jeder «Meltingpot-Table» sieht anders aus. Und ist das Ergebnis von Re-Recycling, denn als Ausgangsmaterial dienen wiederverwendete Prototypen oder verunglückte 3D-Drucke aus der hauseigenen Werkstatt. Die Farbpalette konzipiert Dirk van der Kooij auf Kundenwunsch, so dass der Tisch am Ende perfekt zum Interieur passt.
Dirk van der Kooijs Antwort auf den Monobloc ist Modell «RvR». Es ist aus einem durchgehenden Strang gedruckt.
Dirk van der Kooijs Antwort auf den Monobloc ist Modell «RvR». Es ist aus einem durchgehenden Strang gedruckt.
Dirk van der Kooij in seinem Showroom, der gleich neben der Werkstatt auf einem ehemaligen Industriegelände liegt. Der Niederländer ist nicht nur Designer, sondern vor allem auch ein Maschinen-Hacker. Einer, der sich mit Vorliebe die Finger schmutzig macht und nicht nur Freude am Ergebnis hat, sondern vor allem am Weg dahin.
Dirk van der Kooij in seinem Showroom, der gleich neben der Werkstatt auf einem ehemaligen Industriegelände liegt. Der Niederländer ist nicht nur Designer, sondern vor allem auch ein Maschinen-Hacker. Einer, der sich mit Vorliebe die Finger schmutzig macht und nicht nur Freude am Ergebnis hat, sondern vor allem am Weg dahin.

Was für ein Lärm! Wenn der niederländische Designer Dirk van der Kooij in sein Studio kommt, sitzen manchmal all seine MitarbeiterInnen mit Ohrschützern am Schreibtisch – so laut rattern und schnauben die Maschinen nebenan in der Werkstatt auf dem Hembrugterrein, einem ehemaligen Industriegelände mit über hundert Backsteingebäuden in Zaandam, rund 30 Kilometer nordwestlich von Amsterdam. «Hier haben wir die Freiheit, die wir brauchen. Nur deshalb konnte unser Studio zu dem wachsen, was es heute ist.» Der Designer hat allen Grund, stolz zu sein – macht er doch aus dem, was andere wegwerfen, hochwertige Designobjekte, die sogar gesammelt werden.

Aber ganz von vorn: Dirk van der Kooij, kein exzentrischer Künstler, sondern eher ein Schwiegermuttertyp mit Tüftlerherz, gründete vor etwas mehr als zehn Jahren noch als Designstudent sein eigenes Business. De facto sass er nur selten, wie andere seiner Zunft, am Computer oder zeichnete, sondern lag in einer zugigen Werkstatt in Arbeitskluft unter einer Maschine und schraubte mit schmierigen Fingern daran herum. Das tut er übrigens heute noch – und hat Spass dabei. Alles fing an im dritten Jahr an der Design Academy Eindhoven; damals bekam er im Seminar einen frühen 3D-Drucker aus den 1980er-Jahren zu Gesicht – samt dem Kunststoff-Würfel, den der Drucker fabriziert hatte: «Dieses Ding erzählte seinen Herstellungsprozess von Anfang bis Ende.» Und das wollte van der Kooij mit seinen Objekten auch schaffen. «Ich fand: Um das Gedruckt-Sein als Aussage augenfällig zu machen, mussten die einzelnen Stränge noch viel dicker werden.» Ihn wunderte, dass bisher niemand auf genau diese Idee gekommen war. Und stellte schnell fest: Nicht nur die Idee wurde allgemein als absurd empfunden, auch das Vorhaben, eine passende Maschine zu kaufen, funktionierte nicht.

Es spricht Bände über Dirk van der Kooij, dass er die Idee nicht beiseite legte, sondern geradewegs anfing, selbst einen Drucker zu bauen, der dicke Stränge in 3D aufeinander schichten kann. So, dass das fertige Ding immer noch laut ruft: Ich wurde vom 3D-Drucker gemacht! Dafür besorgte er sich einen alten Roboter aus der Autoindustrie, schraubte ihn auseinander, veränderte Teile, baute alles wieder zusammen – und schliesslich wieder auseinander. In unzähligen Tüftelstunden entstand, wie er sagt, «ein Leviathan, der nie im Leben irgendein Sicherheitszertifikat bekommen hätte. Aber dass ich ihn von Grund auf selbst entwickelt habe, bedeutet eine unbezahlbare Lernerfahrung für mich.» Das Monstrum habe seither mehrere Facelifts bekommen, drucke aber noch heute rund die Hälfte aller Stücke, die in van der Kooijs Werkstatt entstehen. Und obwohl die Inhouse-Produktion im Alltag eine Menge Lärm und Schmutz bedeutet, obwohl sich wegen der dauernden Maschinenbastelei vor dem Studio ein riesiger Scheiterhaufen aus alten Teilen stapelt – Dirk van der Kooij kann sich nicht vorstellen, die Produktion aus der Hand zu geben, auch wenn das unter Umständen wirtschaftlicher wäre: «Ich bin vielleicht zu stur oder zu skeptisch, aber ich will meine Entwürfe einfach selbst herstellen.» Dass er im vergangenen Jahr innerhalb seines Studios auch den Job des Produktentwicklers wieder selbst übernommen hat, freut ihn umso mehr: «Ich kann mich wieder Detailproblemen widmen und das macht mir unheimlich Spass.»

Dass es bei Dirk van der Kooij nur um Kunststoff geht, war übrigens nicht immer so. Als Kind und Jugendlicher, so berichtet er, faszinierte ihn Holz. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Möbelschreiner. «Dass man Holz so komplett verändern kann, und es doch so authentisch bleibt, fand ich von Anfang an super – und hab nie verstanden, warum jemand versucht, Holz durch Furnier oder Spanplatten zu imitieren.» Er wollte immer, dass seine Möbel robust, langlebig und reparabel sind. Er selbst vermutet, das liegt auch daran, dass er in einer Bauernfamilie als einer von drei Söhnen mit genau solchen Möbeln aufgewachsen ist.

DIRKVANDERKOOIJ.COM

Noch mehr über den Designer Dirk van der Kooij ist im Magazin RAUM UND WOHNEN zu erfahren. Die Ausgabe 02•03/22 lässt sich online bestellen.

Einfach mal machen!

An der Design Akademie Eindhoven entstand in den 2010er-Jahren ein Netzwerk, das jede und jeden begeistern will, aus gebrauchtem Kunststoff Neues entstehen zu lassen. Dafür stellt die Gemeinschaft Software sowie Baupläne als Open-Source zur Verfügung. Auf der Website sind hunderte Community-Member auf der ganzen Welt gelistet, darunter auch ein knappes Dutzend Werkstätten bzw. Gruppen in der Schweiz.

PRECIOUSPLASTIC.COM

Text: Barbara Hallmann
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 02•03/22

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