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Bodybuilderin: Hart am Limit

Julia Föry, Bodybuilderin

«Für mich hat die Körperarbeit etwas Meditatives, Emotionales.»

Ich trainiere jeden Tag, egal, ob ein Wettkampf bevorsteht oder nicht. Mir macht das intensive Training mit schweren Gewichten grossen Spass. Ich mag es, mich an meine Grenzen heranzutasten und darüber hinauszugehen. Für mich hat die Körperarbeit etwas Meditatives, Emotionales. Darum halte ich mich am liebsten im Fitnesscenter auf, wenn nicht viele andere Leute da sind und ich ungestört bin. Meist trainiere ich mit aufgesetzten Kopfhörern und meiner Lieblingsmusik im Ohr. Während des Trainings denke ich über alltägliche Dinge nach, die mich beschäftigen, doch hin und wieder treffe ich auch eine wichtige Entscheidung.

Zwei Stunden Krafttraining pro Tag sind für mich normal, dazu kommt täglich ungefähr eine Stunde Cardio für die Ausdauer, entweder am Morgen früh oder abends, vor dem Schlafengehen. Das Cardio-Training absolviere ich oft im Fitnesscenter, auf dem Stairmaster, einem Gerät, das ständiges Treppensteigen simuliert. Oder ich gehe raus in den Wald, denn ich bin ein naturverbundener Mensch und liebe es, mich an der frischen Luft zu bewegen. Im Schwarzwald, wo ich mich häufig aufhalte, kenne ich zwei, drei Spots im Freien, an denen ich gerne trainiere. Das sind zum Beispiel Treppen im Wald, die ich hinauf- und hinuntersprinte, um meine Fitness und Schnelligkeit zu optimieren. Es gibt aber auch Tage, an denen ich mit meiner Schwester wandern gehe; dann absolviere ich abends kein Training mehr im Kraftraum. Früher habe ich stets mit der Pulsuhr trainiert und Kalorien gezählt. Heute verzichte ich darauf, da ich die ständige Selbstkontrolle als einschränkend empfinde. Ich will das Leben geniessen und das, was ich tue, mit Freude machen. Bei der Ernährung gibt es aber freilich einige Dinge, die ich beachte. Wenn ich nicht gerade vor einem Wettkampf stehe, nehme ich viele Kohlenhydrate wie Reis oder Kartoffeln zu mir. Dazu gibt es eiweisshaltige Nahrungsmittel, mageren Fisch, Poulet, Truthahn oder Meeresfrüchte. Ich bestreite ungefähr zwei Wettkämpfe jährlich. Die letzten zwei Wochen davor sind die härtesten, und in dieser entscheidenden Vorbereitungsphase kann auch ich nicht auf eine strikte Kontrolle verzichten: Ich esse dann praktisch keine Kohlenhydrate mehr, dafür umso mehr Eiweiss und grünes Gemüse wie Salat, Spinat oder Broccoli. In diesen zwei Wochen reicht die Kraft meist nicht für viel mehr als fürs Trainieren, Kochen, Essen, Schlafen und Arbeiten. Ich habe Design studiert und besitze mein eigenes Label für Pelz- und Leder-Accessoires, und ich bin auch als Personaltrainerin und Coach tätig.

Ob ich süchtig bin nach Bodybuilding? Ja, das kann man sicher so sagen. Allerdings kann ich gut auch mal ohne Training sein. Zum Beispiel reise ich sehr gerne. Wenn ich einen Städtetrip nach Venedig, Florenz oder Paris unternehme, suche ich dort nicht als Erstes nach einem Fitnesscenter, in dem ich meine Gewichte stemmen kann. Zwei, drei Tage geht es sehr gut, auch ohne zu trainieren. Mich hat die Anatomie des Menschen schon immer interessiert, und ich habe bereits als Kind gern Sport gemacht. Fitnesscenter fand ich allerdings doof, bis ich mir beim Snowboarden, das ich mit grossen Ambitionen betrieb, einen Bruch an den Rückenwirbeln zuzog. Als ich danach mit dem Physiotherapeuten zweimal wöchentlich ins Fitnesscenter ging, merkte ich, dass dies für mich eine interessante Alternative zum Snowboarden sein könnte. Wenig später sah ich zum ersten Mal eine Bodybuilding-Show. Seither bin ich fasziniert von Körpern, an denen jeder einzelne Muskel zu sehen ist. Mittlerweile sind die Auftritte auf der Bühne zu einem Teil von mir geworden. Dabei bin ich eigentlich ein introvertierter Mensch. Ich stelle meine Muskeln im Alltag nicht zur Schau und würde nie mit einem ärmellosen T-Shirt einkaufen gehen. Gegenüber Bodybuilderinnen gibt es leider viele Vorurteile. Ich finde: Man darf auch als Frau gern stark sein!


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 9/19

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