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Yogalehrerin: Auf dem Weg zu sich selbst

Jusztina Kézdi, Yogalehrerin

«Jede Yogalektion ist wie eine Choreografie, die auf einen Höhepunkt hinführt.»

Es war nie mein Ziel, Yoga zu unterrichten, ich wollte es vor allem selber praktizieren. Als mich mein Lehrer eines Tages fragte, ob ich nicht Lust hätte, selber Yogastunden zu geben, lehnte ich ab. Erst als Freunde von mir auf mich zukamen und wünschten, dass ich mit ihnen Yoga mache, zog ich die Möglichkeit des Unterrichtens ernsthaft in Betracht. Es kann gefährlich sein, andere Leute ohne Ausbildung anzuleiten, denn wenn man nicht Bescheid weiss über die anatomischen Grundlagen, ist die Verletzungsgefahr recht gross. Nach sieben Jahren eigenem, intensivem Training beschloss ich deshalb, die 200-Stunden-Ausbildung zur Yogalehrerin zu absolvieren und habe es nie bereut. Das Unterrichten macht mir sehr viel Freude.

Ich habe selber enorm vom Yoga profitiert. Während einer harten Zeit meines Lebens kam ich bei den Übungen zur Ruhe und fand mich in der Stille und im Frieden wieder. Die Lektionen halfen mir, einen Weg zu mir selbst zu finden. Darum ist Yoga für mich viel mehr als nur ein physisches Training, es umfasst auch mentale und spirituelle Aspekte, die mich in schwierigen Situationen dabei unterstützen, mich selber zu schätzen, an meine Stärken zu glauben und Selbstvertrauen zu haben. Yoga hilft mir, mir immer wieder von Neuem bewusst zu werden, welche Werte für mich wichtig sind, worauf ich im Leben setzen will und was ich getrost auch loslassen kann. Das hat ganz praktische Auswirkungen im Alltag, denn ich versuche stets, zu mir und zu den anderen gut zu sein. An diesen Werten richte ich mein Dasein aus, und als Yogalehrerin versuche ich, diese Werte mit meinen SchülerInnen zu teilen. Das ist freilich eine Geschichte, die nie zu Ende geht. Das Leben ist spannend, und man entdeckt immer wieder neue Facetten. Yoga ist heute ein internationaler Megatrend und ein grosses Business. Leider gehen dabei manchmal die Bedeutung und die Essenz verloren. Ich war bisher ein Mal in Indien, dem Ursprungsland der Yogakultur. Der hauptsächliche Antrieb für diese Reise war meine Neugier, die Wurzeln der Lehre kennenzulernen. Ich war in einem der grössten Ashtanga-Yogazentren in Rishikesh, einer Ortschaft am Fuss des Himalayas. Für mich war das eine ganz wunderbare und wertvolle Erfahrung; ich hatte das Glück, allein mit einem ziemlich bekannten Lehrer praktizieren zu dürfen. Dank ihm gelangen mir Positionen, von denen ich vorher nie gedacht hätte, dass ich sie erreichen würde.

Heute bin ich in der Lage, verschiedene Yogastile zu unterrichten, darunter Yin-Yoga, eine sehr langsame Methode, die vor allem der Entspannung dient. Die Schülerinnen und Schüler bleiben drei, vier, fünf oder mehr Minuten in derselben Position und haben somit sehr viel Zeit für sich selbst und für ihre Gedanken. Das ist nicht immer für alle leicht auszuhalten. Persönlich mag ich aber auch den Vinyasa-Flow-Style. Dabei handelt es sich um einen sehr dynamischen Yogastil, bei dem alle Bewegungen fliessend in einer vorgegebenen Abfolge und im Einklang mit dem Ein- und Ausatmen erfolgen. Der Atem führt die Teilnehmer durch das Training. Ich bereite mich auf die Lektionen einzeln vor und habe immer eine Art Spickzettel vor meiner Matte auf dem Boden liegen. Für jede Yogastunde definiere ich ein körperliches und ein mentales Ziel. Wir öffnen die Hüften, entspannen die Schultern und üben Twists, die sanfte Dehnungen erzeugen. Jede Yogalektion ist wie eine Choreografie, die auf einen Höhepunkt hinführt: die komplexeste Position und die Quintessenz der Stunde. Meine Aufgabe ist es, stets alle Schülerinnen und Schüler im Auge zu haben und zu registrieren, wenn sie ihre Grenzen erreichen. Am schönsten ist es, am Ende der Lektion in ihre glücklichen Gesichter zu blicken. In diesem Augenblick schöpfe ich neue Energie, und meine Batterien werden wieder aufgeladen.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 11/19

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