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Meisterflorist und Interior Designer: Durch die Blume

Thomas Spiess, Meisterflorist und Interior Designer

«Es ist extrem spannend, sich als Florist an der Architektur zu orientieren.»

Bereits als kleiner Junge habe ich auf Blumenwiesen winzige Sträusschen gebunden, und schon damals entwickelte ich eine starke Sensibilität für die Natur und ihre Schönheit. Meine Eltern haben meinem Bruder und mir das Flair für Kreativität mitgegeben. Wir hielten uns als Familie oft draussen auf und fuhren in der Freizeit in die Berge, so dass wir Kinder lernten, das Schöne überhaupt zu sehen und zu schätzen. Als ich vor der Berufswahl stand, gab es für mich nur zwei Alternativen: Ich wollte entweder Gärtner oder tiermedizinischer Praxisassistent werden. Zum Glück klappte es nicht mit der Tiermedizin, und ich absolvierte eine Lehre als Gärtner mit Fachrichtung Innenbegrünung. Schon bald war ich im Element. Ich war absolut fasziniert von den exotischen Pflanzen aus dem Urwald und von der extremen Formen- und Farbenvielfalt. Schon während dieser Zeit begann ich, mich auch mit Konzepten zur Raumgestaltung auseinanderzusetzen.

Heute nehme ich regelmässig an grossen Ausstellungen in der ganzen Welt teil, wie zum Beispiel der «Fleuramour» in Belgien. An der jüngsten Ausgabe waren über hundert Floristen aus zwanzig verschiedenen Ländern beteiligt, die in Teams die einzelnen Räume eines Schlosses gestalteten. Es ist extrem spannend, sich als Florist an der Architektur zu orientieren und Räumen mit Blumen ein neues, überraschendes Antlitz zu verleihen. Dabei gibt es kaum Grenzen der Fantasie und in der Umsetzung. Florales Design mit Urwaldpflanzen wirkt im Gegensatz zu Dekorationen mit einheimischen Blumen häufig sehr spektakulär. Ökologisch bedenklich ist die Arbeit mit exotischen Pflanzen in der Regel nicht. Ich achte darauf, dass ich, wo immer ich arbeite, einheimische Gärtner berücksichtige, die im eigenen Land produzieren. Blumen wie die rot-gelbe Gloriosa mit beeindruckend grossen Blüten, die bis zu zwei Meter hoch wird und ursprünglich in Südostasien und Afrika vorkommt, müssen also nicht unbedingt von weither eingeflogen werden. Die Gloriosa, die auch Ruhmeskrone genannt wird, gehört zum Kreis meiner Lieblingsblumen.

Mein absoluter Favorit ist jedoch die Kamille, eine uralte Heilpflanze, die auch in der Schweiz heimisch ist. Wenn ich an einer Kamillenpflanze rieche, fühle ich mich an meine Kindheit erinnert, an Freiheit, an meine Eltern und an eine Zeit, für die ich sehr dankbar bin und die mir sehr viel bedeutet. Eine Kamillenblüte kann sehr stark duften, wenn sie von der Sonne beschienen wird und der Wind weht. Meine Liebe zu Blumen, die ich früh entdeckt habe, hat gleichzeitig meinen Wissensdurst geweckt: An meine Ausbildung als Gärtner folgte direkt eine Floristen-Lehre. Als ich 21 Jahre alt war, übernahm ich einen Blumenladen als Geschäftsführer, absolvierte ein Interior-Design-Studium und später diverse Weiterbildungen. Heute bin ich selber weltweit als Dozent tätig; in den letzten fünf Jahren habe ich in mehr als einem Dutzend Ländern gearbeitet. Ich unterrichtete zum Beispiel an Floristen-Schulen in Kolumbien, China, Singapur, Indonesien, Belgien, in den Niederlanden und in Frankreich. In China wurden in den letzten Jahren rund fünfzig Ausbildungsinstitutionen für Floristen aus dem Boden gestampft. Als europäischer Meisterflorist ist man dort hoch angesehen, denn die Asiaten versuchen, sich an unserem Stil, an unserem Designverständnis und an unseren Techniken zu orientieren. Die Floristik in Europa ist sehr weit entwickelt, doch wir Floristen werden mit unserem Können hierzulande leider häufig unterschätzt. In China beispielsweise werden Blumen vorwiegend zu Dekorationszwecken oder dann zum Kondolieren nach Todesfällen gebraucht. Bei uns in der Schweiz hat auch die Alltagsfloristik eine grosse Bedeutung: Wenn man jemandem Blumen mitbringt, liegt man nie falsch. An einem perfekt gebundenen Strauss hat einfach jeder Freude.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 3/20

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Durch die Blume

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