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Schriftstellerin: Der Imaginationsraum der Sprache

Melinda Nadj Abonji, Schriftstellerin

«Ein Wort kann wie ein glühender Kern sein, der einen Entfaltungsprozess in Gang setzt.»

Ich habe ein magisches Verhältnis zu Buchstaben, und beim Schreiben entsteht ein ganz eigener Imaginationsraum. Buchstaben und Worte sind so schön, weil man beim Schreiben und Lesen eigene Bilder kreiert. An der Schriftstellerei fasziniert mich jeden Tag von Neuem, dass die Buchstaben zwar nur in beschränkter Zahl zur Verfügung stehen, dass man mit ihnen aber trotzdem nie an ein Ende kommt. Trotz der limitierten Anzahl kann man ihnen immer neues Leben einhauchen. Einer meiner liebsten Orte zum Arbeiten ist mein Schreibatelier, ein Raum mit einer guten Atmosphäre und Aussicht ins Freie, mit Blick zum Himmel und auf ein paar schöne Bäume. Der Ausblick ist für mich ganz wichtig, ich kann aber auch sehr gut zu Hause oder unterwegs schreiben, sogar im Zug, wenn die Leute nicht allzu laut reden. Ich schreibe mal von Hand, mal mit dem Computer, aber viele Texte bringe ich mit Hilfe meiner zwei Schreibmaschinen zu Papier. Kürzere Texte kann ich gut am Computer verfassen, doch empfinde ich das Gerät aber mitunter als Energiefresser und mag es nicht, immer diesen Bildschirm vor mir zu haben. Schreibe ich auf einer Schreibmaschine, ist es laut, während ich arbeite. Sobald ich aufhöre zu tippen, wird es ganz still. Wenn das Papier voll ist, ziehe ich es aus der Maschine, streiche von Hand Zeilen, Worte oder Buchstaben durch und schreibe darüber. Mir gefällt das, denn der Denkprozess beim Schreiben wird auf diese Weise nachvollziehbarer. Wenn ich einen Text anschliessend ins Reine schreibe, ist dies nochmals ein Arbeitsschritt, bei dem sich das Entstandene erneut wandelt und verändert.

Angst vor dem leeren, weissen Papier oder Schreibstau kenne ich nicht; es gibt aber freilich Situationen, in denen ich nicht mehr weiterkomme. Wenn es verklumpt, dann bringt es nichts, weitermachen zu wollen; man spürt, wenn es nicht mehr geht. Das hat auch mit dem Körperzustand zu tun: Schreiben braucht unendlich viel Energie. Wenn ich beispielsweise schlecht geschlafen habe, kann ich fast nicht schreiben. Schwierig wird es auch, wenn ich gedanklich nicht frisch bin. Aber es gibt neben dem Schreiben ja noch ganz viel anderes wie Bücher lesen, Archivarbeiten oder das Nichtstun. Man muss nur den richtigen Moment erwischen, um aufzuhören. Tendenziell ist Schreiben sowieso ein langsamer Prozess. Ich schreibe ein paar Sätze und schleife immer wieder daran. Es ist ein langsames Formen – oder wie ein befreundeter Schriftsteller einmal sagte: Schreiben ist wie das Eindicken einer Konfitüre. Es geht darum, dem Text immer mehr Substanz zu geben und alles Überflüssige wegzulassen. Schreiben braucht sehr viel Geduld, und der Zustand des Schreibens ist zu einem Teil unkontrollierbar. Es kommt vor, dass ich nachts aufwache und plötzlich ein Bild, ein Motiv oder ein Wort da ist, das mich packt und in dem soviel Energie drinsteckt, dass sich daraus ein ganzes Buch entwickeln kann. Ein Wort kann wie ein glühender Kern sein, der einen Entfaltungsprozess in Gang setzt. Woher ich die Energie für all das nehme? Ich weiss es nicht, ich glaube, ich bin eine Kämpferin. Ich verbinde Schreiben schon auch mit dem Wunsch, dass man genau hinsieht. Die Literatur hat sehr feinfühlige Instrumente, um die LeserInnen mit der Sprache an ein sensibles Wahrnehmen der Welt heranzuführen. Ausserdem hat die Literatur in meinen Augen die noble Aufgabe, mit der Sprache ethisch zu handeln, ohne zu moralisieren. Im schönsten Fall zeigt sie auf, dass es eine Alternative gibt zum Bestehenden, das von Interessen, Macht und Geld gesteuert ist. Als Schriftstellerin erlebe ich beim Schreiben eine enorme Spannweite von Schmerz und Glücksgefühlen, die anderen Menschen hoffentlich auch etwas gibt.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 5/20

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