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Umweltingenieurin: Frau Gerold und ihr Garten

Luzia K. Rodriguez,Umweltingenieurin

«Ein Garten ist ein lebendiges Gebilde, das wächst und sich von Jahr zu Jahr verändert.»

Am schönsten ist es am Morgen, wenn die Partytiger, die sich in den umliegenden Clubs die Nacht um die Ohren geschlagen haben, nach Hause gefahren sind und ins Bett sinken. Am Vormittag bin ich oft allein in Frau Gerolds Garten, giesse meine Pflanzen und geniesse die Ruhe. Nur hin und wieder kommen Spaziergänger vorbei, schlendern über das Gelände, halten einen Schwatz mit mir und suchen zuweilen Rat für den Garten daheim. Frau Gerolds Garten ist vor rund acht Jahren auf dem Areal einer ehemaligen Metallindustrie-Firma in Zürich-West entstanden. An der Geroldstrasse befindet sich ein kunterbunter, kreativer Mix aus Restaurants, Bars, Take-Aways, Büros und Shops. Ich habe während meiner Ausbildung zur Umweltingenieurin begonnen, als Gärtnerin hier zu arbeiten. Zu Beginn war es nicht mehr als ein Studentenjob, doch dann bin ich ganz fasziniert hängen geblieben. Frau Gerolds Garten ist mittlerweile zu meinem zweiten Zuhause geworden. Es ist fast wie in einer Beziehung: Ich kann mir nicht mehr vorstellen, ohne zu leben.

Ein Garten ist ein lebendiges Gebilde, das wächst und sich von Jahr zu Jahr verändert. Er muss langsam entstehen und sich entfalten; er wird jedes Jahr üppiger, grüner, und gewinnt an Schönheit, wenn man ihn hegt und pflegt und ihm die nötige Zeit und Zuwendung schenkt. Auch Frau Gerolds Garten ist einer ständigen Veränderung unterworfen, die sich nicht immer planen lässt. Eines Tages bekamen wir zehn einheimische Bäume aus einem Kunstprojekt geschenkt. Seither sind wir Besitzer einer Eibe, eines Ahorns, einer Eiche, einer Birke und einer Kastanie, welche die Biodiversität bereichern und Vögel anziehen, die man sonst in einer Grossstadt kaum sieht. Da der Boden hier mit Schwermetallen belastet ist, kann man nicht einfach Blumen oder Bäume in die Erde pflanzen. Unsere Kräuter, Stauden, Gemüse, essbaren Blüten und Blumen wachsen in Holzkisten, Fässern oder Töpfen. Wir haben sie einmal gezählt, es sind über 300 Gefässe. Wir gärtnern rein biologisch, setzen keine Chemie ein, düngen mit Kompost und Hornspänen. Alle Gefässe sind mobil, könnten also ohne Weiteres gezügelt werden. Das ist wichtig, denn bei Frau Gerolds Garten handelt es sich um ein Provisorium, das in Zukunft wohl irgendwann einem Bauprojekt weichen und an einen anderen Standort umziehen muss.

Solange wir da sind, versuchen mein Team und ich, auf dem Areal möglichst viele Nischen und Lebensräume für Tiere zu schaffen, etwa für Wildbienen oder Reptilien wie Eidechsen und Molche. Im hinteren Teil haben wir einen Teich angelegt, bei dem sich eine zeitlang eine Kröte eingenistet hatte; dieses Jahr habe ich sie allerdings noch nicht gesichtet. Ich habe mich schon viele Male gefragt, wie sie hierher kam. Frau Gerolds Garten befindet sich ja mitten im ehemaligen Industriequartier, in einem Geviert zwischen SBB-Linie, Häusern, Mauern und Durchgangsstrassen. Es heisst, Kröten hätten eine Lebenserwartung von über vierzig Jahren und kehrten immer wieder dorthin zurück, wo sie herkommen.

Wenn es nach mir ginge, wären unsere Städte und Häuser viel grüner, als sie es sind. Auch Fassadenbegrünungen können zur Biodiversität beitragen. Inzwischen habe ich mit Kraut+Quer eine eigene Firma gegründet und werde oft nach Garten-Geheimnissen gefragt und um Tipps angegangen. Verlässlichkeit und Regelmässigkeit sind wichtig, etwa beim Pflanzengiessen. Wenn die Pflanze weiss, dass sie regelmässig Wasser bekommt, kann sie sich ihre Energie einteilen. Ausserdem empfehle ich allen, sich ganz angstfrei ans Gärtnern heranzuwagen. Gartenarbeit ist kein Kampf gegen Ameisen, Blattläuse oder andere Schädlinge – Gartenarbeit soll Freude machen. Und man sollte daran denken, dass es ohne Blattläuse keine Marienkäfer gäbe: Es braucht immer Beute, bevor die Räuber kommen.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Severin Bigler / Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 6•7/20

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Frau Gerold und ihr Garten

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