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Designerin: Zerbrechliche Unikate

Annette Douglas, Designerin

«Man muss das Glas seinem Flow überlassen, bis die Form vollkommen ist.»

Als Textildesignerin beschäftige ich mich seit zwei Jahrzehnten mit Stoffen. Textilien sind meine Leidenschaft; sie sind ein Feld ohne Grenzen, das mich immer faszinieren wird. In meinem Atelier in der ehemaligen Spinnerei Wettingen, an der die Limmat vorbei fliesst, experimentiere ich mit verschiedenen Ausdrucksformen. Den hohen, loftartigen Raum teile ich mit meinen Mitarbeitenden und einer Handvoll Architekten und Grafikern. An meiner Wand hängt ein Mood-Board mit farbigen Fotos und Zeichnungen, die mir bei der Arbeit als Inspirationsquellen dienen. Ich interessiere mich für alle Aspekte des Textildesigns, von der Technik über die Forschung bis hin zur Entwicklung. Doch ich spüre mitunter auch eine Sehnsucht, mit anderen Materialien zu arbeiten. Glas hat mich schon immer angezogen. Zum 20-jährigen Jubiläum meiner Firma habe ich mich darum selbst mit einer Kollektion handgeblasener Vasen aus Glas beschenkt, die ich in Schweizer Glashütten herstellen lasse. Die zweifarbigen Glaskugeln habe ich «Mojo» genannt. Für mich ist es ein Fantasiename, der mich an ein kleines Objekt erinnert. Ich finde, der Name passt zu den zwei Farben, wie «Mo & Jo», und er passt auch zu der besonderen Form der Blumenvasen. Erst später habe ich erfahren, dass der Name afrikanischen Ursprungs und eine Bezeichnung für einen Glücksbehälter ist. Meine «Mojo» finden gut in zwei Händen Platz; sie verfügen über ein kleines, rundes Loch oben und einen flachen Boden auf der Unterseite, damit sie nicht davonrollen. Ich empfinde Glas als konträres Material zu Textilien. Vielleicht bin ich gerade deswegen darauf gekommen. Während Textilien den Tastsinn ansprechen und man einen Stoff und seine Struktur bei der Herstellung und Bearbeitung ständig anfasst, darf man das Glas während des Produktionsprozesses nicht berühren. Das Material wird in der Glashütte auf etwa 1200 Grad erhitzt, so dass man sich leicht die Finger daran verbrennen kann. Man muss das Glas seinem Flow überlassen, bis die Form vollkommen ist. Wer die Glasbläserkunst perfekt beherrschen will, braucht sehr viel Übung. Ich vergleiche es mit dem Spielen eines Musikinstruments: Um eine wirklich gute Fertigkeit zu erlangen, kommt man nicht darum herum, täglich zu üben. Beim Glasblasen handelt es sich um einen extrem heiklen Prozess, bei dem viel schiefgehen kann. Die Temperatur muss konstant hoch sein und man muss das Glas ständig mit gleichbleibender Geschwindigkeit drehen. Bleibt die Regelmässigkeit der Rotation aus, fällt das Glas wie ein in der Sonne geschmolzenes Eis zu Boden.

Ich habe selber verschiedene Glaskurse in der Schweiz und auch in den USA besucht, wo zahlreiche bekannte Glaskünstler herkommen. Auch auf der Glasbläser-Insel Murano war ich schon diverse Male; im Herbst findet in Venedig jeweils eine Glasbiennale statt. Ich weiss, dass viele Leute denken, Murano sei nur eine Touristenfalle. Wenn man jedoch die Augen öffnet für die Feinheiten des Handwerks, für die Technik und für die Kunst, dann kann man auch in den Fabriken und im Glasmuseum auf Murano spannendes Neues entdecken. Das Touristische kann ich sehr gut ausblenden und mich trotz des Trubels von den Farben und Eindrücken inspirieren lassen.

Meine Entwürfe für die «Mojo»-Vasen bringe ich als Aquarell-Skizzen zu Papier. Mit Wasserfarben kommt man dem Transparenten des farbigen Glases am nächsten – viel näher etwa, als wenn man versucht, Skizzen am Computer anzufertigen. Inzwischen umfasst die Kollektion neun Farbkombinationen. Die Vasen sind Unikate. Die farbigen Glaskugeln entfalten je nach den Blumen, die darin arrangiert sind, eine unterschiedliche optische Wirkung. Glas erfordert durch seine Zerbrechlichkeit auch in seiner endgültigen Form einen sorgsamen Umgang. Das macht die Objekte umso wertvoller.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 8/20

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Zerbrechliche Unikate

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