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Möbeldesigner: Viel Raum für Experimente

Marc Bäurle, Möbeldesigner

«Jede Schweissstelle und Schweissnaht bleibt bewusst sichtbar.»

Ich sehe die Welt häufig von oben. Als Langstreckenpilot bei der Swiss bin ich oft unterwegs im Ausland, übernachte in Hotels und entdecke fremde Städte. Diese Reisen unternehme ich zwar von Berufes wegen, doch manchmal bleibt mir trotzdem Zeit zwischen den Flügen, um in den Metropolen unterwegs zu sein, mich durch die Strassen treiben und inspirieren zu lassen. Auf diesen Streifzügen sammle ich Ideen für die Möbelstücke, die in meiner Werkstatt in Meggen am Vierwaldstättersee entstehen. Auf diesem kleinen Industrieareal war bis vor ein paar Jahren ein Baugeschäft eingemietet. Als dieses wegzog, ergriff ich die Chance, mir meine eigene Werkstatt aufzubauen und einzurichten; mit allen Maschinen zum Schweissen, Bohren, Hobeln, Fräsen, Sägen und Biegen, die ich für die professionelle Möbelherstellung brauche: ein Quantensprung zu den Möglichkeiten, die ich zuvor hatte. Mein Interesse gilt speziellen Konstruktionen und technischen Finessen, auch von Alltagsgegenständen. Bei einem Stadtspaziergang, in einem Kleidergeschäft, interessiere ich mich zuweilen viel mehr für die Regale, auf denen die Ware liegt, als für die Textilien. Mein Blick bleibt an kleinen Details wie zum Beispiel einer ungewöhnlichen Neigung eines Metallelements hängen. Manchmal mache ich ein Foto, manchmal speichere ich die Einzelheiten auch nur gedanklich ab, um sie in eines meiner nächsten Projekte zu integrieren. Ich bewege mich mit offenen Augen durch die Welt. Zurück im Hotel nehme ich ein Blatt Papier und einen Bleistift, mache mir eine Notiz oder zeichne schnell eine Skizze, die ich später wieder heraushole. Mein Label heisst «G-Load». Der Begriff stammt aus der Aviatik und steht für die Kraft, die auf das Flugzeug einwirkt. Den Stil meiner Möbel würde ich mit den drei Adjektiven authentisch, roh und einzigartig beschreiben. Ich fertige sie von A bis Z selber aus ungehobeltem, unlackiertem Altholz und rohem Eisen. Ich finde, dadurch entsteht eine Symbiose, die sehr natürlich wirkt. Jede Schweissnaht und Schleifstelle bleibt bewusst sichtbar und muss sowohl konstruktive als auch ästhetische Ansprüche erfüllen. In meinen Augen würde das Metall an Natürlichkeit verlieren, wenn ich es pulverbeschichten oder bemalen würde. Lediglich eine hauchdünne Lackschicht schützt es vor Korrosion. Fürs Designen von Möbeln braucht es neben technischem Geschick vor allem eine genaue Vorstellung von den Proportionen und ein Auge für die Form, die ein Stuhl, eine Liege oder eine Kommode haben muss. Hinter mir liegt eine lange Trial-and-Error-Phase. Als ich vor über fünfzehn Jahren begonnen habe, eigene Möbel zu designen und zu konstruieren, klappte nicht immer alles auf Anhieb. Da ich jedoch stetige Fortschritte sah, kam Aufhören nie in Frage, und ich hatte das Glück, dass mir ein befreundeter Schlosser zahlreiche Tricks und Kniffe verriet, die mich weiterbrachten. Zudem arbeite ich seit Beginn mit einem professionellen Polsterer zusammen. Ich experimentiere mit verschiedenen Stoffen wie farbigem Velours, der eine besondere, lebendige Struktur aufweist.

Jedes meiner Möbelstücke hat seinen ganz eigenen Charakter und wird auf Mass gefertigt. Die Unikate müssen jedoch nicht nur gut aussehen und qualitativ einwandfrei verarbeitet sein, sondern auch alle Ansprüche in Bezug auf Komfort und Bequemlichkeit erfüllen. Persönlich finde ich, dass sich meine Möbel gut in unterschiedliche Architekturstile integrieren lassen. Wichtig ist, dass sie den Platz bekommen, den sie brauchen, um zu wirken.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 9/20

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