DAS SCHWEIZER MAGAZIN FÜR ARCHITEKTUR, WOHNEN UND DESIGN

Bildhauerin: Inspiration  in der Natur

Priska Bieri, Bildhauerin

«Man braucht eine gute Vorstellungskraft und viel Fantasie.»

Dieser Platz hier im Wald ist einer meiner Lieblingsorte zum Schnitzen. Ich lege meine Werkzeuge vor mir auf dem Boden oder auf einem Steinmäuerchen aus und beginne mit der Arbeit. Ich bin immer in Bewegung: Manchmal hocke ich mich hin, manchmal stehe ich auf, um das Objekt von oben zu betrachten und zu bearbeiten, ein anderes Mal schnitze ich von der Seite. Als Grundlage nutze ich in der Regel eine Skizze, die mir bei einer Schnitzerei aus einem Rundholz, etwa aus einem Baumstamm, als Orientierung dient. Zum Teil bringe ich Markierungen mit Kreide an, die mir das grobe Schnitzen erleichtern und verhindern, dass ich zu sehr von der Vorlage abweiche. Bei einer Holzfläche ist alles etwas einfacher, da ich zuerst eine Skizze zeichnen und anschliessend eine Schablone anfertigen kann, die ich auf die Fläche übertrage.

Man braucht als Holzbildhauerin eine gute Vorstellungskraft und viel Fantasie, dagegen ist es nicht unbedingt nötig, dass man von Anfang an eine sehr gute Zeichnerin ist oder wunderschöne Gemälde malen könnte. Viele der Fähigkeiten, die es zum Holzschnitzen braucht, werden in der Ausbildung intensiv geschult. Zuerst arbeitet man mit Zeichnungen, später mit Reliefs, und so tastet man sich ans Dreidimensionale heran. In der Lehre mussten wir oft Tiermodelle kopieren und Nachbildungen modellieren oder schnitzen. Modellieren hat gegenüber dem Schnitzen den Vorteil, dass man während des Entstehungsprozesses beliebig oft Material hinzufügen oder entfernen kann. Beim Schnitzen ist das Holz weg, wenn man es einmal weggeschlagen oder -geschnitten hat. Kleinere Missgeschicke kann man ausbessern, indem man die Proportionen einer Figur oder ein Detail anpasst. Wenn bei einer Tierfigur aber fast am Schluss ein Ohr abbricht, gibt es keine Rettung: Dann gibt es nur die Optionen, nochmals von vorne zu beginnen oder das Ohr anzuleimen und dem Kunden den Patzer zu kommunizieren. Die Werkzeuge müssen immer sehr scharf sein, damit man präzise arbeiten kann und auch nicht allzu viel Kraft aufwenden muss. Ich schleife meine Messer und Meissel selber. Alltagsverletzungen sind vor allem am Anfang, wenn man neu im Metier ist, ganz normal. Ich kann mich noch erinnern, dass ich zu Beginn der Ausbildung sehr viele Pflaster gebraucht habe! Die Hand ist halt häufig sehr nahe am Messer; manchmal gibt es nur noch zwei oder drei Millimeter dazwischen, da ist es logisch, dass man bei der kleinsten Unachtsamkeit in die Hand schnitzt.

Die Holzbildhauerei hat vor allem in der Gegend um Brienz im Berner Oberland eine lange Tradition. Geschnitzte Tier- und Krippenfiguren oder mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Alltagsgegenstände und Möbelstücke spielten früher für das Einkommen der lokalen Bevölkerung eine wichtige Rolle. So gab es Bauern, die in Heimarbeit nach der Verrichtung der landwirtschaftlichen Arbeit Tierfiguren schnitzten und damit ihren Verdienst aufbesserten. Die Blütezeit des Schnitzerei-Handwerks am Brienzersee war im 19. Jahrhundert eng mit dem Aufkommen des Tourismus verbunden; damals waren es vor allem Engländer, die Souvenirs mit geschnitzten Edelweissen oder traditionelle Tierfiguren wie Bären, Adler oder Steinböcke mit nach Hause mitnahmen.

Ich habe mich nach der vierjährigen Ausbildung in Brienz selbständig gemacht, weil ich Lust hatte, mich künstlerisch zu entfalten. Eine meiner grössten Inspirationsquellen ist die Natur. Zum Glück beginnt gleich hinter meiner Werkstatt der Wald, in den ich mich gerne zurückziehe. Ich befinde mich mitten in einem spannenden Prozess und versuche, mehr und mehr den Mut aufzubringen, auch abstrakte, künstlerische Ausdrucksformen zu entwickeln.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 11/20

Artikel-Download:
Inspiration in der Natur

Artikel teilen
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen
Klicken Sie auf Ihrem Smartphone Zum Home-Bildschirm, um ein Icon der Website dem Startbildschirm hinzuzufügen!