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Textilgestalterin: Experimentelle Entwürfe

Isabel Bürgin, Textilgestalterin

«Beim Denken und Entwerfen nehme ich mir alle Freiheiten.»

Manchmal denke ich, ich bräuchte zwanzig Leben, um all meine Ideen zu verwirklichen. Ich arbeite seit über dreissig Jahren als selbständige Textilgestalterin in meinem eigenen Atelier in Basel, habe eine vielfältige Teppich- und Deckenkollektion aufgebaut und lasse mich täglich neu inspirieren. Mein Ziel ist es, mit einfachen Webtechniken anspruchsvolle Muster zu kreieren, die nicht einfach nostalgisch sind, sondern auch im 21. Jahrhundert Bestand haben. Ich möchte immer wieder aufs Neue zeigen, wie man mit einer an sich simplen Technik, komplexen Mustern und interessanten Materialkombinationen spannende, überraschende Effekte erzielen kann. Meinen Stil würde ich als eher schlicht bezeichnen; meine Arbeiten leben von der Haptik, Farbe und Struktur. Meine Arbeitsweise ist sehr experimentell. Beim Denken und Entwerfen nehme ich mir alle Freiheiten. Wenn man im Designprozess nicht auch das scheinbar Unmögliche auslotet, findet man keine neuen Lösungen. Die Grundlage dafür bildet ein vertieftes Verständnis fürs Handwerk und für die Möglichkeiten der Umsetzung. Gutes Design zu machen, heisst eben nicht nur, verrückte, vielleicht noch nie dagewesene Ideen zu entwickeln. Man braucht auch ein breites, gründliches Wissen über die Techniken, um diese Ideen zu realisieren. Das Herzstück meiner Kollektion sind Teppiche. Die meisten webe ich als Unikate von Hand und biete sie teilweise in bis zu vierzig verschiedenen Farbtönen an. Daneben arbeite ich mit kleinen Manufakturen zusammen. Alles sind Einzelanfertigungen auf Mass. Dank meines Kontakts zu einer Spinnerei und Färberei im Prättigau kann ich auch Kleinmengen an Garn einfärben lassen, um individuell auf Kundenwünsche einzugehen. Die Kunst besteht darin, nicht zu viel Garn einzufärben und doch genug zur Verfügung zu haben, um die Teppiche fertigzustellen. Ich kalkuliere deshalb eher grosszügig, so dass sich mit der Zeit ein Lager an Restgarn angesammelt hat. Aus diesem Umstand ist ein weiteres Produkt für meine Kollektion entstanden: Der Teppich, den ich «Mischling» nenne, ist aus den Restgarnen der Schafwolle kombiniert mit Ziegenhaargarn gefertigt. Ich repariere meine Gewebe übrigens auch. Kürzlich hat mich ein Kunde angerufen und erzählt, sein Hund habe sich an einem Teppich ausgetobt, ihn zerbissen und zerrissen. Der Kunde hat mir das defekte Stück zugeschickt, ich habe den Teppich gekürzt und einen schönen neuen Abschluss geflochten. Nun ist er etwas kleiner als zuvor, sieht aber wieder aus wie neu.

An meinen drei Webstühlen arbeite ich oft an verschiedenen Aufträgen parallel. Ich bin dabei stets in Bewegung, da ich bei der Arbeit stehe und ständig von einer Seite zur anderen gehe. Während des Webens versinke ich häufig in einen Meta-Zustand. Viele Kundinnen und Kunden fragen mich, wieviel Zeit ich brauche, um einen Teppich fertigzustellen. Grob gerechnet komme ich in einer Stunde etwa zehn Zentimeter voran, wobei der Prozess des reinen Webens nur einen Teil des Aufwands ausmacht. Je nach Komplexität eines Auftrages nehmen das Einrichten des Webstuhls zu Beginn beziehungsweise das Verarbeiten der Kettfäden am Schluss ebenfalls viel Zeit in Anspruch. Es ist ein Glück für mich, dass ich in diesem schönen Fabrikraum mit viel Tageslicht arbeiten kann. Hier haben früher mein Grossvater und mein Onkel, die Zuckerbäcker waren, Messmocken für die Basler Herbstmesse, gebrannte Mandeln, Nougat oder Schokolademandeln hergestellt. Als Kinder kamen wir gerne hierher, um beim Verpacken zu helfen und uns durch das Süssigkeiten-Sortiment zu probieren. Auch wenn ich heute etwas völlig anderes mache, führe ich doch die Familiengeschichte fort: Sowohl die Zuckerbäckerei als auch die Weberei sind Handwerke mit Tradition.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 2•3/21

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Experimentelle Entwürfe

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