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Schriftsteller: In den Tiefen der Geschichte

Thomas Meyer, Schriftsteller

«Die Geschichte Zürichs elektrisiert mich.»

Vor einiger Zeit wurde ich von den Besitzern eines Uhrengeschäfts an der Zürcher Bahnhofstrasse gefragt, ob ich einen Text zum 250-Jahr-Jubiläum des Unternehmens schreiben würde. Im Rahmen dieses Auftrags recherchierte ich zur Geschichte der Bahnhofstrasse und stellte mir die Frage, wie diese Strasse hiess, bevor es einen Bahnhof gab. Ich forschte im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich und erfuhr, dass an der Stelle der heutigen Einkaufsmeile einst der Fröschengraben lag: ein Wassergraben, der im Mittelalter zur Stadtbefestigung gehörte. Diese Textarbeit für das Uhrengeschäft war der Ursprung einer grossen Begeisterung und Faszination für die Vergangenheit dieser Stadt. Die Geschichte Zürichs elektrisiert mich richtiggehend.

Nachdem mein Interesse geweckt war, habe ich mich durch diverse Bücher und historische Dokumente gelesen. Eines Tages fragte mich jemand vom Baugeschichtlichen Archiv, ob ich den Lindenhof-Keller kenne. Das ist der Ort, an dem wir uns jetzt befinden; eine Ansammlung jahrhundertealter Fundamente und Mauern, die man im Laufe der Zeit aufeinander baute. Der Keller befindet sich unterhalb eines Treppenabgangs, der versteckt unter einer grossen Metallklappe liegt. Den Schlüssel kann man im Stadthaus ausleihen, was jedoch nicht viele Leute wissen. Die meisten Zürcher kennen den Lindenhof, weil sie sich hier schon einmal für ein Tête-à-Tête verabredet haben. Dann ist es einfach ein netter, kleiner Park. Wenn man hingegen erfasst, welche Bedeutung der Lindenhof früher hatte, dann erschlägt es einen fast. Hier, wo wir sind, befand sich einmal ein römisches Gebäude, das als Zollstation genutzt wurde, und später wurde ein Kastell mit zehn Türmen gebaut. Stellen Sie sich vor: Da oben gab es zehn Türme und im Innenhof exerzierten die Römer! Dieser Keller ist einer der wenigen Hinweise auf Bauten, die es in der Zeit des 1. bis 4. Jahrhunderts nach Christus auf dem Hügel des Lindenhofs gab. Ein anderes Beispiel ist die Pestalozzianlage an der Bahnhofstrasse, auf der sich früher die Hinrichtungsstätte Zürichs befand. Die Teenager, die heute im Sommer Picknicks auf der Wiese veranstalten, haben keine Ahnung, wo sie da genau liegen. Ich finde es spannend, diese Geschichten auszugraben und weiterzutragen. Darum habe ich begonnen, hin und wieder im privaten Rahmen Stadtführungen zu machen.

Eine Affinität für Geschichte war bei mir immer vorhanden. Mein Vater ist sehr an den Weltkriegen interessiert; durch ihn war ich stets von Büchern umgeben. Selber habe ich bisher erst einen historischen Roman geschrieben: In «Rechnung über meine Dukaten» geht es um einen preussischen König im 18. Jahrhundert, der riesige Männer sammelte. Er liess sie zwangsrekrutieren oder entführen, um sie in seine Leibgarde aufzunehmen. Romane mit historischem Bezug zu schreiben, ist sehr aufwendig, wenn man jedes Detail authentisch darstellen will, deshalb habe ich bis jetzt keinen mehr geschrieben; zudem haben mich ohnehin andere Themen beschäftigt. Das Spektrum meiner Bücher und Texte ist sehr breit. Dahinter steckt jedoch keine Strategie, ich vertraue vielmehr auf meine Intuition. Wenn mich ein Projekt anspricht, dann setze ich es um. Als Schriftsteller ist man allerdings ständiger Kritik ausgesetzt und muss neben Lob auch Verrisse aushalten, die ungerechtfertigt und niveaulos sind. Doch Enttäuschungen sind auch heilsame Erfahrungen: Es geht trotzdem immer weiter. Für mich zählt, dass ich bei jeder Geschichte mein Bestes gebe.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 3•4/21

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