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Die Kunst, sich zu betten

Orang-Utans machen es sich nachts richtig gemütlich. Ihr Nest, das sie sich jeden Abend aufs Neue in die Baumwipfel bauen, ist ausgestattet mit allem Pipapo.

Insel Sumatra, Südostasien, fünf Uhr morgens: Noch ist es dunkel, wenn die ersten Rufe der Gibbons durch den Dschungel schallen. Während es die quirligen Äffchen kaum abwarten können, in den Tag zu starten, gehen es die Orang-Utans ganz gemächlich an. Erst wenn das Morgenlicht die Nacht verdrängt hat, verlassen die Einzelgänger ihr bequemes Nest und widmen sich dem Tagesprogramm: Nahrung suchen und fressen… Fressen, fressen, fressen. Vor allem süsse Früchte wie Feigen. Aber auch Blätter, Insekten und gelegentlich kleine Wirbeltiere. Die Menschenaffen mit rot-zottigem Fell sind perfekt an das Leben in den Baumkronen angepasst. Sie sind die grössten Säugetiere, die fast ausschliesslich auf Bäumen leben. Die Weibchen bringen rund 50 kg auf die Waage, die Männchen sind sogar bis zu 100 kg schwer. So flink und wendig wie die Gibbons sind sie deshalb nicht unterwegs. Statt mit tänzerischer Leichtigkeit von Baum zu Baum zu springen, hangeln sie sich eher gelassen durchs Blätterdach. Um hinüber zum nächsten Urwaldriesen zu gelangen, wippen sie auf einem Ast auf und ab, hoch und höher, bis der nächste Zweig endlich greifbar ist. Der Waldboden unter ihnen? Eine No-go-Area! Aus gutem Grund. Unten im Dickicht lauert eine Gefahr im Streifenkostüm: der Sumatra-Tiger. Der einzige Feind, vor dem sich die Affen hüten müssen. Vom Menschen natürlich mal abgesehen.

Ursprünglich in ganz Asien heimisch, leben Orang-Utans heute nur noch auf Borneo – und Sumatra, wo zwei der drei Arten heimisch sind: Pongo abelii und Pongo tapanuliensis. Letztere wurde erst vor vier Jahren als eigene Art beschrieben.
Wenn die Abenddämmerung über dem Regenwald hereinbricht, beginnt es, in den Wipfeln laut zu krachen — krrrtz, krack, grrrck… Ein untrügliches Zeichen: Schlafenszeit in der Beletage! Zumindest gilt das für den Orang-Utan (indonesisch für Waldmensch). Mit geschickten Handgriffen knickt der Pongo kräftige Äste um und bringt sie so zusammen, dass mittig eine stabile Grundkonstruktion fürs Nachtlager entsteht. Die Astteile brechen dabei nicht völlig auseinander, sondern halten durch die Holzfasern trotzdem zusammen.
Häufig bilden Astgabeln den Ausgangspunkt für die Nester. Manchmal werden diese aber auch einfach ins dichte Blätterdach zwischen mehreren Bäumen gebaut. Dünnere Äste und junge Triebe werden zum Grundgerüst herangezogen und so eingeflochten, dass darin eine weiche «Matratze» entsteht. Bequem und komfortabel, wie man es sich auch als Homo sapiens wünscht. Selbst auf Kopfkissen aus Blättern wird in den Wipfeln nicht verzichtet. Und auch Decken aus Zweigen bestimmter Bäume gehören oft zur Ausstattung dazu. Es wird vermutet, dass die Decken dabei nicht nur vor kühlen Temperaturen und Regen schützen, sondern auch vor Moskitos und Co. Wissenschaftlich erwiesen ist das bislang jedoch nicht. Die Forschung ist schwierig, so hoch in den Bäumen. Eines jedoch ist definitiv: Der Bau der Schlafnester, die sich meist auf einer Höhe zwischen 15 und 25 Metern befinden, ist äusserst komplex und folgt keinem Instinkt. Mindestens fünf Jahre dauert es, bis ein junger Orang-Utan das konstruktive Know-how und handwerkliche Geschick von seiner Mutter gelernt hat. Und weiss, welche Bäume für den Bau taugen oder welche Äste ausreichend biegsam sind. Schon im Babyalter von sechs Monaten beginnt der Einzelkindnachwuchs, täglich zu üben. Zunächst mit sehr kleinen Zweigen und wenig Geduld. Kindliches Gezeter gehört daher zum allabendlichen Ritual. Ab fünf bis sechs Jahren schlafen die Jungtiere erstmals im eigenen Nest, noch nah bei der Mutter. Erst mit acht bis zehn Jahren nabeln sie sich endgültig ab. Ausgewachsene Tiere – sie werden bis zu fünfzig Jahre alt – bauen ihr Schlafnest dann im Affentempo: Acht (!) Minuten, und fertig ist der Bau.
Krrrtz, krack, grrrck… und schon wieder kracht es laut in den Wipfeln. Jetzt heisst es wirklich: Ab ins Bett!

Illustration von Dieter Braun.
Susanne Lieber und Dieter Braun.


Susanne Lieber hat Innenarchitektur studiert und arbeitet als Journalistin. Hätte sie nicht einen gestalterischen Beruf gewählt, wäre sie Tierfilmerin geworden. Statt mit der Kamera pirscht sie sich nun mit Worten an die Fauna heran und berichtet über Tiere und deren Wohnformen. Sie lebt in Zürich.


Dieter Braun ist Illustrator und arbeitet u.a. für Stern, Geo, Time Magazine, Wall Street Journal, WWF und verschiedene Agenturen. Bekannt geworden ist er durch sein Buch «Die Welt der wilden Tiere». Er lebt zusammen mit seiner Frau und zwei Zwergwiddern (prächtigen Kaninchen) in Hamburg.

Text: Susanne Lieber, Illustration: Dieter Braun
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 05•06/2021

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