Ereignisdesignerin: Zwischen Faszination und Ekel

Andrea Staudacher, Ereignisdesignerin

«Auch ich fand Insekten eklig, bevor ich begann, sie zu kochen.»

Bei der grossen Heuschrecke, die ich mitgebracht habe, handelt es sich um ein besonders beeindruckendes Exemplar. Ich habe sie vor einiger Zeit auf einem Flohmarkt erstanden, wo sie, auf ein Stück Hartschaum drapiert, in einem verkäuflichen Schrank sass. Die Riesenheuschrecke ist nur ein Ansichtsexemplar. Sie ist getrocknet und präpariert, man kann sie nicht essen. Dies im Gegensatz zu den kleineren afrikanischen Wanderheuschrecken, die sehr wohl geniessbar sind. Erst vor einer halben Stunde habe ich sie aus meinem Tiefkühler genommen. Ich könnte nun die Flügel und die Beine entfernen, sie mit Gewürzen verfeinern und sie in Öl knusprig anbraten. Es wäre eine Delikatesse. Allerdings muss ich gestehen: Auch ich fand Insekten eklig, bevor ich begann, sie zu kochen. Dabei kam mir zugute, dass ich beim Essen immer experimentierfreudig war. Mein Vater arbeitete im Aussendienst, er nahm uns oft mit, und so reisten wir als Familie viel herum. Schon als Kind war ich in China und anderen asiatischen Ländern. Dort kam ich früh in Kontakt mit exotischen Lebensmitteln, die in unseren Breitengraden normalerweise nicht auf den Tisch kommen. Ich hatte in dieser Beziehung nie Berührungsängste, probierte einfach aus und entdeckte, wie schmackhaft fein gekochte Insekten sein können.

Als Ereignisdesignerin bewege mich an der Schnittstelle zwischen Event, Design und Kunst. Ich habe an den Kunsthochschulen in Bern und Zürich studiert und im Frühling mein zweites Insektenkochbuch publiziert. Bei meinen Projekten kann ich meine persönliche Faszination und Neugier mit Wissensvermittlung verbinden. Ich lasse mich von meiner Intuition leiten. Alles begann damit, dass ich im Rahmen meines Studiums beim Naturhistorischen Museum Bern Insekten-Exponate ausleihen durfte, um sie zu zeichnen. Ich liebe die Symmetrie, die schönen Farben und Oberflächenstrukturen dieser Tiere. In dieser Zeit veröffentlichte die Welternährungsorganisation FAO eine Studie darüber, wie Insekten weltweit zur Sicherung der Nahrung beitragen könnten. Diese Erkenntnisse wurden zum Hintergrund meiner Projekte. Es ist eine Tatsache, dass wir in den westlichen Gesellschaften zurzeit unverhältnismässig viel Fleisch konsumieren und diese Nachfrage nicht mehr lange gedeckt werden kann. Ich verfolge keine Mission, doch ich möchte mit meiner Arbeit darüber aufklären, dass das Fleischessen im jetzigen Ausmass einer gesunden, ökologischen und moralisch-ethisch vertretbaren Ernährung widerspricht. Ich bin selber keine sture Fleischgegnerin und einem guten Stück Fleisch hin und wieder nicht abgeneigt.

Meine Expertise als Ereignisdesignerin besteht vor allem darin, Inhalte über körperliches Erleben zu vermitteln, so dass dieses Erleben einen nachhaltigen Einfluss auf unser zukünftiges Handeln ausübt. Meine Arbeitsmethode bezeichne ich gern auch als «Erkenntnis durch Ereignis». Durch meine Kunst möchte ich Leute herausfordern und sie zu Gedankenexperimenten motivieren. Ich ermuntere sie, die gewohnten Strukturen ihres Denkens zu verlassen. In der Vergangenheit habe ich als Künstlerin Exponate für Ausstellungen entwickelt, aber auch Workshops mit Top-Managern geleitet. Ich forderte die Teilnehmer auf, sich in ein Stück Fleisch hineinzufühlen und zu beschreiben, wie es ist, zum Beispiel ein Pouletflügeli zu sein. Wir befinden uns hier übrigens in meiner zukünftigen Küche. Mein Mann und ich sind im Begriff, diese ehemalige Gewürzmühle zu einem Loft umbauen zu lassen. In einigen Monaten werden wir mit den Kindern einziehen. Nicht fehlen darf in unserem neuen Zuhause ein grosses Aquarium, in dem wir unsere eigene, einheimische Fischzucht aufbauen wollen.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 9•10/21

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