Künstlerin: Universelle Schichtarbeit

Céline Quadri / C-Line, Künstlerin

«Das Ziel ist, einen Zustand der Leere zu erreichen.»

Neue Figuren entstehen manchmal wie aus dem Nichts, ohne dass ich danach hätte suchen müssen. Ich probiere häufig, mich beim Skizzieren oder Malen in einen meditativen Zustand zu versetzen. Grundsätzlich bin ich ein sehr spiritueller Mensch. Ich sehe mich als Einheit mit dem Universum; meine grossen Vorbilder sind alte Weise aus der indischen Philosophie Advaita Vedanta. Das Ziel ist, einen Zustand der Leere zu erreichen, bei dem man Erkenntnisse über sich selbst und das Leben gewinnt. Darüber reflektiere ich oft auch bei der Arbeit an meinen Kunstwerken. Meine Inspiration hole ich mir im Alltag, aus kleinen Dingen und Aktivitäten wie Spaziergängen in der Natur. Dabei öffnen sich mir Räume ohne Grenzen. Ich lasse es gerne fliessen, und so entsteht hin und wieder etwas, das nicht so geplant war, aber vollkommen stimmig ist.

Die Spiritualität mag Aussenstehenden vielleicht wie ein Gegensatz zu meinen Bildern vorkommen, die sehr farbig, lebendig und dynamisch wirken. Ich würde meine Kunst am ehesten als pop-surreal bezeichnen. Für mich ist die Spiritualität kein Widerspruch, sondern eine spannende Verbindung zu meinem täglichen Schaffen, die mich glücklich macht. Ich habe dadurch eine grosse Freude und Leichtigkeit gewonnen, einen inneren Frieden, der sich auf jeden Lebensbereich auswirkt. Ich empfinde es als ausserordentliches Geschenk, sich so ausdrücken zu dürfen, wie ich es jeden Tag kann. Mein Glück ist, dass ich mittlerweile genug Geld mit der Kunst verdiene, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich lebe zwar nicht in Saus und Braus, und trotzdem fühle ich mich reich. Mein Reichtum besteht darin, das machen zu können, was ich am liebsten tue. Ich geniesse die Freiheit, meine Zeit frei einteilen zu können und einen interessanten, abwechslungsreichen Alltag zu haben.

Ich male meine Bilder in allen Grössen und auf unterschiedliche Untergründe, auf Leinwand oder Holz, auf raumhohe Wände in Innenräumen oder im Freien auf Fassaden. Wenn ich draussen male, kehre ich gewissermassen an den Ursprung meiner kreativen Tätigkeit zurück. Als ich zwanzig war, lebte ich ein paar Jahre in Berlin und machte vor allem Street-Art. Diese Zeit hat mich und meinen Stil stark geprägt. Eine der Voraussetzungen für ein perfektes künstlerisches Ergebnis ist ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen: Wenn ich in einem Innenraum male, versuche ich zuerst, mich im Raum zu orientieren und diesen mit allen Sinnen zu erfassen. Ich lasse mich auf die Farben und das Licht ein, höre der Kundin oder dem Kunden zu, was sie möchten, und versuche zu spüren, was passt. Das ist vor allem zu Beginn viel Kopfarbeit. Das Malen selbst ist aber auch körperlich fordernd. Bei grossen Bildern tun mir oft die Knie oder der Nacken weh. Zum Glück habe ich eine gute Akupunkteurin, die es versteht, meine Verspannungen wieder zu lösen. Mit der Zeit wird man beim Skizzieren und Malen routinierter: Es fällt einem leichter, abzuschätzen, wie dick die dunklen Linien sein müssen oder wie die Proportionen später wirken, wenn das Kunstwerk fertig ist.

Die ersten Entwürfe für meine Bilder, die einen starken Wiederkennungswert haben, entstehen ganz klassisch mit Bleistift auf Papier. Oft entwickle ich die Skizzen mit dem Grafikprogramm am Tablet weiter, bevor ich sie mit Kreide oder mit dem Pinsel und verwässerter Acrylfarbe auf die Wand übertrage. Die Farbe muss ich danach häufig mit der Malerrolle richtig in die Wände einarbeiten; je nach Untergrund braucht es mehrere Anstriche, die dazwischen trocknen müssen. So herausfordernd und zeitintensiv das Malen manchmal auch ist: Die Hauptsache ist, dass meine Kunstwerke bei den Betrachtern positive, freudige Gefühle wecken, genauso wie bei mir.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 10•11/21

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Universelle Schichtarbeit

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