Sammlungsleiterin Vitra Design Museum: Designgeschichte als Prozess

Susanne Graner, Sammlungsleiterin Vitra Design Museum

«Ich bin immer wieder auf sanfte Weise gezwungen, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen.»

Unsere Sammlung hat durch das 2016 erbaute Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron an Ausstrahlungskraft gewonnen. Sie gehört weltweit zu den wichtigsten Sammlungen des Möbeldesigns und umfasst zurzeit rund 7000 Möbel und 1000 Leuchten. Zudem besitzen wir mehrere Archive und Nachlässe bedeutender DesignerInnen, darunter befinden sich etwa Objekte aus der Sammlung des Eames Office von Charles und Ray Eames. Da, wo heute das Schaudepot steht, befand sich vorher eine Lagerhalle. In einer weiteren Halle im Untergrund war schon damals die Sammlung untergebracht, die jedoch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war. Vor rund zehn Jahren begannen wir mit der Planung einer Erweiterung, da die Sammlung stetig gewachsen war und wir dringend mehr Lagerfläche brauchten. Während des Entwurfprozesses entstand die Idee, nicht nur das Lager zu erweitern, sondern gleichzeitig einen Ort zu schaffen, an dem wir den BesucherInnen dauerhaft Schlüsselstücke aus der Sammlung präsentieren können. Herzog & de Meuron entwarfen einen fensterlosen Backsteinbau, der sich eher zurückhaltend in die anderen, ebenfalls von international bedeutenden ArchitektInnen entworfenen Bauten auf dem Vitra Campus einfügt. Ich spüre zwischen Innen- und Aussenwirkung einen spannenden Gegensatz: Die geschlossene Fassade betont einerseits den Schutzaspekt für die Objekte und sorgt anderseits für einen Überraschungseffekt. Wenn ich vor dem Gebäude stehe, ahne ich nicht, was sich im Inneren verbirgt und mich erwartet. Der Innenraum präsentiert sich praktisch als «White Cube» mit weissen Wänden und einem sehr klaren Beleuchtungssystem, das den Raum gleichmässig ausleuchtet. Die Objekte stellen wir auf Schwerlastregalen mit jeweils drei Etagen aus. Solche Regale waren im Lager im Untergeschoss bereits vorhanden, wurden nun aber, mit Böden aus Glas und grösseren Dimensionen, aufs Schaudepot zugeschnitten. Wir zeigen hier vor allem Stühle, die den grössten Teil der Museumssammlung ausmachen.

Als Sammlungsleiterin trage ich die Verantwortung für den einmaligen Bestand. Ich habe Konservierungswissenschaften und Restaurierung studiert und weiss deshalb, was es braucht, um eine Sammlung dieser Dimension zu pflegen und zu erhalten. Zu meinen Aufgaben gehören auch die Forschung und die Vermittlung. Einzelne Wechselausstellungen, die ich als Kuratorin betreue, tragen meine eigene Handschrift. In meiner Funktion befinde ich mich täglich in einem Spannungsfeld: Als Restauratorin ist mir daran gelegen, dass die Möbel geschützt werden. Als Kuratorin bin ich mir bewusst, dass Ausstellungen zur Vermittlung gehören. Wir wollen ja, dass unsere BesucherInnen das Design verstehen; darum möchten wir ihnen die Objekte möglichst nah und unmittelbar präsentieren. Wir gehen immer ein gewisses Risiko ein, wenn wir Objekte ausstellen, die wertvoll sind und zuvor eine lange Zeit im Dunkeln lagen. Dieser Widerspruch vom Schützen zum kuratorischen Agieren und Sammeln fordert mich auf eine positive Art. Ich bin immer wieder auf sanfte Weise gezwungen, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen und eine Balance zwischen den zwei Polen zu finden.

Unsere Sammlung ist zwar gross und bedeutend, doch wir erzählen global betrachtet nur einen kleinen Ausschnitt der Designgeschichte. Wir zeigen Ideen, Innovationen und Visionen, vermitteln aber auch Einblicke in Designprozesse und Wissen über Materialien und Ergonomie. Die Designgeschichte ist lebendig, sie ist nie fertig geschrieben, und jede Sammlung weist Lücken auf. Eine dieser Lücken sind oftmals Arbeiten von DesignerInnen. Die Designgeschichte ist bisher wenig divers und sehr männlich geprägt. In dieser Beziehung ist ein wichtiger Prozess im Gang, auch in unserer Sammlungspolitik. Die Welt des Designs nimmt gesellschaftliche Diskurse auf und sucht nach Relevanz und Innovationspotenzial und neuen erzählerischen Perspektiven. Auf diese Weise entstehen Strömungen und Produkte, die wiederum in die Geschichte eingehen.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 02•03/22

Artikel-Download:
Designgeschichte als Prozess

Artikel teilen
Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen