Designerin und Künstlerin: Objekte mit Alltagspoesie

Estelle Gassmann, Designerin und Künstlerin

«Mich faszinieren die Vielfalt, die Einheit und das Farbspektrum der Algen.»

Mein Arbeitsplatz befindet in einer ehemaligen SBB-Wäscherei, wo ich mir mit rund einem Dutzend anderen Kreativen ein Atelier teile. Die frühere Nutzung ist in den hohen Räumen mit den Oblichtern noch ablesbar. Unser Eingang ist dort, wo sich einst die Anlieferung befand, und im grossen Raum rechts davon gibt es eine dieser klassischen SBB-Uhren sowie Steckdosen an der Decke. Hier wurden wohl jeweils die Bügeleisen eingesteckt, um die Eisenbahner-Textilien zu glätten. Ich glaube, es waren Uniformen oder auch die Wäsche aus den Schlafwagen.

Im Sommer fahre ich mit dem Velo zur Arbeit, im Winter gehe ich zu Fuss. Beim Spazieren mache ich immer wieder neue Entdeckungen. Ich sammle kleinen Abfall von der Strasse, winzige Alustücke etwa oder Metallverschlüsse, die jemand verloren hat und die meine Fantasie anregen. Mein Fundus ist zwar schon gross, und mein primäres Ziel ist nicht, die Sammlung zu erweitern, aber manchmal kann ich die Finger nicht von einem Fundstück lassen.

Zurzeit fokussiere ich mich bei meiner Arbeit auf dreierlei Arten von Design und Kunst: Erstens auf freie Objekte, die aus Keramik entstehen, zweitens auf Bettwäsche, die vorwiegend mit Sujets aus dem Meer bedruckt ist, und drittens auf meine Teller und Schalen mit Blumen- und Algenmotiven. Diese Motive kombiniere ich mit Abbildern meiner Trouvaillen von der Strasse. Studiert habe ich Textildesign; meine Leidenschaft für die Keramik habe ich erst etwas später entdeckt, und nun kann ich beides verbinden. In meinem Atelier entstehen fantastische Muster und Gebilde, mit denen ich die Leute emotional anspreche und manchmal auch Erinnerungen wecke. Die Arrangements mache ich sehr intuitiv, aber mit hoher Präzision. Wenn ich in die Arbeit vertieft bin, stimme ich die Motive millimetergenau aufeinander ab.

Die gepressten Blumen begleiten mich als Sujet seit vielen Jahren. Die Algen kamen erst später dazu, ich stiess zufällig darauf, in einem Seefahrtmuseum in Portugal. Dort entdeckte ich eine alte Sammlung mit gepressten Algen, ein Algenherbar, und begann zu recherchieren. Ich knüpfte Kontakt zur Enkelin des Sammlers, die sogar ein Buch über die Arbeit ihres Grossvaters herausgegeben hatte. Mich faszinieren die Vielfalt, die Feinheit und das Farbspektrum der Algen. Vor einigen Jahren ergab sich für mich die Gelegenheit, mit einer Gruppe von Schweizer BiologiestudentInnen in der Bretagne selber Algen zu sammeln, die ich zu Hause sorgfältig gepresst habe. Auf der Bettwäsche symbolisieren sie für mich die Übergänge vom Meer zum Land, von den Wasser- zu den Hirnströmungen, vom Wachsein zum Schlaf.

Die Teller und Schalen brenne ich bei 830 Grad im Ofen. Das rohe Geschirr beziehe ich aus England. Auch die Ausdrucke mit den eingescannten Motiven werden in England hergestellt, mit einem Drucker, der mit keramischem Toner ausgerüstet ist. Die Sujets werden auf wachsbeschichtetem Papier ausgedruckt und vollflächig lackiert. In Wasser getaucht, löst sich die Folie mit dem Bild mitsamt dem Lack ab. Bei hohen Temperaturen verbrennt der Transferlack, und die Farbpigmente brennen sich in der Keramik ein. Das Motiv versinkt in der Glasur und verschmilzt mit ihr. Mir gefällt es, kontrastreiche Materialien und Bilder zu kombinieren und neue, harmonische Verbindungen zu schaffen. Später, im täglichen Gebrauch, überlagern sich die Kunst und das Essen. Ich arbeite auch mit klassischen, alten Keramikformen, die ich mit Plastiksieben und einer Glasurmasse verbinde. In den Objekten kommt eine Harmonie zwischen Billigem und Edlem zum Ausdruck. Wozu sie die KäuferInnen später nutzen, lasse ich bewusst offen: Ich möchte die Leute inspirieren, mit meinen Kunstwerken emotionale Orte in ihren eigenen Räumen und ein Stück Alltagspoesie zu schaffen.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 5•6/22

Artikel-Download:
Objekte mit Alltagspoesie

Artikel teilen
Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen