Tätowiererin: Zeichen für die Ewigkeit

Sarah Hofmann, Tätowiererin

«Häufig erzählen mir Leute eine Geschichte, die mich sehr berührt.»

Ich habe mich von Anfang an wohlgefühlt, als ich in dieses Studio im Zürcher Industriequartier einzog. Wir befinden uns hier am Escher-Wyss-Platz, in einer urbanen, pulsierenden Umgebung. Zu Beginn geschahen in diesem Raum ein paar eigenartige Dinge: Ein Gerät ums andere gab seinen Geist auf – vom Staubsauger über die Kaffeemaschine bis hin zum Laptop und Drucker. Nachdem ich sie alle ersetzt hatte, unternahm ich Verschiedenes, um für gute Vibes zu sorgen. Ich habe den Raum mehrmals ausgeräuchert, und ich benutze auch heute hin und wieder ein Atmosphärenspray, das meine Umgebung von negativen Einflüssen befreien und meine Kreativität unterstützen soll. Seit ich das mache, funktionieren alle Geräte tadellos! Wichtig beim Tätowieren sind helles, starkes Licht und eine ruhige Hand. Ich mag dezente Hintergrundmusik, kann während der Arbeit aber nicht viel sprechen, da ich mich konzentrieren muss. Schon als Kind war ich sehr interessiert am Zeichnen. Zum Leidwesen meiner Mutter habe ich damals jedes herumliegende Papierstück und jede Zeitung vollgekritzelt, auch wenn sie diese eigentlich noch lesen wollte. Als kleines Mädchen wünschte ich mir einen Beruf, der es mir erlauben würde, alles, was ich brauche, in einen Koffer zu packen und damit die Welt zu bereisen. Ich lernte zuerst Coiffeuse und arbeitete anschliessend viele Jahre als Fernseh-Maskenbildnerin, bis ich mich als Tätowiererin selbständig machte. Neben meiner Berufstätigkeit habe ich diverse Zeichnungs- und Kunstkurse besucht und ein Studium als Illustrationsdesignerin absolviert.

Meine Lebensphilosophie war schon immer «Learning by doing»; auch das Tätowieren habe ich mir nach diesem Motto beigebracht. Irgendwann genügte mir das Zeichnen auf Papier oder Leinwand nicht mehr, ich suchte nach einem neuen Medium. Ich dachte mir, es müsste toll sein, auf Haut zu illustrieren. Mein erstes Tattoo stach ich einem Kollegen, der selber Ahnung hatte vom Tätowieren und mir seinen Oberschenkel anvertraute. Zuerst meinte er, ich könne ja einfach eine schwarze Fläche ausfüllen, da könne ich nicht viel falsch machen. Als ich jedoch die Tätowiermaschine in der Hand hatte, wusste ich, dass ich unbedingt weitermachen wollte. Zum Glück hatte ich viele tätowierfreudige Leute in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die sich von mir im Wissen darum, dass ich noch kein Profi war, ein Tattoo stechen liessen. So richtig schief ging nie etwas; es gab höchstens kleine Schönheitsfehler. Ich betrachte meine Tattoos als Körperschmuck. Ich steche eher feine, manchmal auch sehr kleine Sujets, die oftmals nur aus einer Linie oder Punkten bestehen und Symbolcharakter haben. Häufig erzählen mir Leute eine Geschichte, die mich sehr berührt. Der Prozess, im Gespräch herauszufinden, wie sich die Essenz des Erlebten symbolisch darstellen lässt, braucht Zeit und Raum; ich mag es, Vertraute und ein wenig auch Hobbypsychologin zu sein. Nicht selten dauern die Vorbereitung, die Recherche und das Hineindenken in die Geschichten viel länger als das Stechen des Tattoos. Ein Symbol wie ein kleines Herz ist in zehn Minuten fertig gestochen. Ob eine Tätowierung mit dem Alter der Trägerin oder des Trägers schöner oder hässlicher wird, liegt im Auge des Betrachters. Mit dem Älterwerden bekommt das Bild vielleicht Runzeln und verblasst etwas, aber es spiegelt das Leben. Die Tätowierungen, die ich selber am Körper trage, sind vom Stil her ganz anders als die Tattoos, die ich bei meinen Kundinnen und Kunden steche. Mein rechter Arm ist zum Beispiel von einem Dschungel überzogen, in dem eine Amazone die Hauptrolle spielt. Heute würde ich mich vielleicht für etwas anderes entscheiden, aber ich bereue kein einziges meiner Tattoos.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 6•7/22

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Zeichen für die Ewigkeit

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