Kunstmaler: Mit feinsten Pinselstrichen

Markus Gilomen, Kunstmaler

«Ich versuche, mich in den originalen Stil hineinzudenken.»

In meinem Elternhaus hatten wir einen Holzofen und einen Feuerkochherd. Ich mochte das Feuer schon als Kind und habe gerne beim Einfeuern mitgeholfen. Heute schätze ich mich glücklich, dass ich diese frühe Faszination mit meiner Leidenschaft für Kunst verbinden kann. Ausserdem habe ich eine Affinität für Antiquitäten und Keramik. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt seit zehn Jahren mit zwei unterschiedlichen beruflichen Tätigkeiten, die sich ideal ergänzen: Einerseits habe ich seit vielen Jahren mein eigenes Atelier, wo ich als freischaffender Kunstmaler arbeite. Dort entstehen meine Bilder und Plastiken, die ich in Ausstellungen im In- und Ausland zeige und mittlerweile auch über renommierte Galerien verkaufe. Andererseits bin ich in Teilzeit als Kunstmaler bei Perler Ofen in Wabern bei Bern angestellt, einem Spezialgeschäft für Antiköfen und Holzkochherde. Meine hauptsächliche Aufgabe besteht hier darin, alte Kacheln fachgerecht zu restaurieren und die kunstvollen Malereien so zu ergänzen, dass alt und neu von blossem Auge nicht mehr zu unterscheiden sind. Meine Pinselstriche verschmelzen mit der originalen Malerei.

Als Kunstmaler im Ofenbau-Geschäft stehe ich wie im Atelier vor komplexen Herausforderungen. Am Anfang jedes Auftrags steht eine tiefe Auseinandersetzung mit der Materie; sie bildet die Basis für die spätere Umsetzung. Bevor ich also zu einem Pinsel greife, befasse ich mich intensiv mit dem Charakter der Malerei, mit der ein anderer Künstler Jahrzehnte oder Jahrhunderte vor mir seine Spuren auf den Kacheln hinterlassen hat. Mir ist es ein Anliegen, der Arbeit meiner Vorgänger mit Respekt zu begegnen. Ich versuche, mich in den originalen Stil hineinzudenken und möglichst präzise zu erfassen, was die Bilder ausdrücken und symbolisieren. Dabei hilft mir meine Routine. Als ich bei Perler Ofen zu arbeiten begann, nahm ich manchmal ein Buch zu Hilfe, um mich mit einem Stil vertraut zu machen. Ganz selten recherchiere ich auch heute noch im Internet, wenn ich eine Kachel mit einer ganz seltenen Malerei vor mir habe. Im Alltag kommen mir aber meine Erfahrung und das Wissen, das ich mir angeeignet habe, zugute. Zum Restaurieren alter Kacheln braucht es vor allem Können, Geduld und eine ruhige Hand. Manchmal sitze ich zuerst vor einem Haufen Bruchstücke, die ich wie ein Puzzle zusammensetze. Fehlt ein Stück, finde ich hin und wieder im Lager der Denkmalpflege ein passendes Teil, das ich einfügen kann. Jeder Ofen ist anders, auch wenn die Kacheln für Aussenstehende auf den ersten Blick vielleicht sehr ähnlich aussehen. Die Malereien unterscheiden sich in kleinen Details, weil beispielsweise verschiedene Lasuren benutzt wurden, so dass die Kacheln unterschiedliche Farbtöne oder Glanzgrade aufweisen. Während eine Bleilasur je nach Lichteinfall in sanften Pastellfarben schillert, ist die Oberfläche einer Salzlasur meistens eher rau und matt. Ich analysiere die Oberfläche der Kacheln Schicht für Schicht, um beim Restaurieren denselben Aufbau simulieren zu können. Kleinere Beschädigungen repariere ich mit einer Keramikmasse, die aufgetragen und nach dem Trocknen genau auf das Niveau der Kachel abgeschliffen wird. Wenn man mit dem Finger darüberstreicht, spürt man nichts mehr; die Oberfläche fühlt sich so glatt an, als hätte nie etwas gefehlt. Manchmal bin ich auch auswärts, vor Ort, um in einem Haus einen Ofen zu bemalen. Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich, wobei mich meine selbständige Tätigkeit als Kunstmaler zusätzlich inspiriert: Meine Sujets sind vor allem Landschaften mit Bergen, Steinen und Wäldern, und ich gehe dabei ebenfalls sehr strukturiert vor. Ich male nicht einfach drauflos, sondern führe Eigenstudien durch und entwerfe Skizzen und Farbmuster. Auch hinter meinen Bildern, Grafiken und Objekten steckt viel Reflexion.


Text: Rebekka Haefeli
Foto: © Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 8•9/22

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Mit feinsten Pinselstrichen

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