Schwarz ist nicht einfach eine Farbe. Es ist eine Entscheidung.
Der Orgelsaal der Zürcher Hochschule der Künste ist vollständig schwarz. Ein Raum, der Farbinformationen auf ein Minimum reduziert und dennoch einen starken Eindruck hinterlässt. Der Regisseur und Fotograf Ivan Engler und ich sind uns sofort einig, als wir den Saal betreten: genial. Und doch stellt sich die Frage, ob dieser Eindruck nicht eigentlich ein negativer sein müsste. Wird Dunkelheit nicht mit dem Ungewissen, dem Bedrohlichen assoziiert? Und ist Schwarz, wenn es den Raum so einnimmt, nicht zwangsläufig zu dominant? Fühlen wir uns dadurch klein und ohnmächtig? Allgemein lässt sich das nicht beantworten. Es lohnt sich, hier Licht ins Dunkle zu bringen.
Wände und Decke sind vollständig schwarz, ebenso der Boden und die Stühle. Ein komplett schwarzer Look. Was in der Mode oftmals gar nicht hinterfragt wird und eher als sichere Bank gilt, ist in räumlichen Dimensionen ungewöhnlich, wenn nicht gar provokant. Hier in der ZHdK heben sich nur die Orgelpfeifen ab – von den zahlreichen Deckenstrahlern präzise ins Licht gesetzt. Charakteristisch für den Raum sind die schwarzen Wände mit unterschiedlich grossen, bombierten, akustisch wirksamen Kacheln. Natürlich wurde der Orgelsaal für die klanglichen Anforderungen der MusikerInnen optimiert, die hier studieren, lehren und Konzerte geben. Doch für die Akustik allein hätten die Architekten von EM2N nicht Schwarz wählen müssen. Für die Atmosphäre hingegen schon.
Ich lasse den Raum bewusst ohne Musik auf mich wirken. Mich interessiert, was diese räumliche Setzung der Farbe Schwarz mit mir macht. Fühle ich mich «overpowered» von einer Dunkelheit, die für uns tagaktive Säugetiere evolutionsbiologisch eine potenzielle Gefahr darstellt? Vielleicht auch wegen der vielen Leuchten, die an einen fast poetischen Sternenhimmel erinnern, empfinde ich den Raum aber eher positiv, wenn nicht sogar motivierend. Das Wort Power ist jedenfalls nicht falsch.
Prof. Tobias Willi, der hier täglich Orgel unterrichtet, schätzt die Farbgebung sehr – gerade weil sie ihn nicht durch visuelle Reize von seiner Arbeit ablenkt. Auch ich nehme das Fehlen von Farbinformationen als bewussten szenischen Effekt wahr. Nicht umsonst sind Bühnen oft schwarz gehalten: Alles, was nicht schwarz ist, gewinnt im Licht an Präsenz. Hier ist es die Orgel. Und – vor allem – der Mensch.
Autorin Barbara Mutzbauer erkundet in dieser Kolumne die Macht der Farben im Raum. Sie ist Szenografin, Innenarchitektin und Dozentin und beschäftigt sich mit der Frage, was wir aus Räumen lesen können. Denn Räume haben uns viel zu sagen: Sie erzählen von der Identität ihrer Bewohnenden und Nutzenden und vermitteln Gefühle – oftmals unbewusst. Farben spielen dabei eine zentrale Rolle; sie lassen sich sogar als ein Kommunikationssystem verstehen. Barbara Mutzbauer besucht ausgewählte Orte und reflektiert, welche Wirkung Farben jeweils entfalten und was dies über die Beziehung zwischen Mensch und Raum aussagt.
Der komplette Beitrag ist in der Ausgabe 02•03/26 vom Magazin RAUM UND WOHNEN veröffentlicht.
Text: Barbara Mutzbauer
Fotos: Ivan Engler
aus dem Magazin: Raum und Wohnen, Zeitschrift Nr. 02•03/26