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Licht von gestern für morgen

Wer war Guiseppe Ostuni? Diese Frage stellt sich schnell, versucht man zu verstehen, aus welchen Wurzeln die geradezu ikonische Mailänder Leuchtenfabrik Oluce erwachsen ist. Und schnell stellt man dabei fest: Zur knapp 75-jährigen Geschichte dieser Marke haben sehr viele Menschen beigetragen. Und nicht wenige der Produkte sind zu gefragten Klassikern geworden.

Ikone der Postmoderne: Vico Magistretti gestaltete die Leuchtenserie «Atollo» für Oluce, für die er 1979 mit dem renommierten Award «Compasso d’Oro» ausgezeichnet wurde.
Ikone der Postmoderne: Vico Magistretti gestaltete die Leuchtenserie «Atollo» für Oluce, für die er 1979 mit dem renommierten Award «Compasso d’Oro» ausgezeichnet wurde.
«Ilo» lautet der Name dieser Leuchtenserie des Spaniers David Lopez Quincoces. Sie ist als Wand- oder Pendelleuchte erhältlich sowie als Rise-and-Fall-Pendelleuchte. Allen Modellen gemeinsam ist das elegante, schlanke Design der Aluminiumschiene, in der sich die Lichtquelle befindet.
«Ilo» lautet der Name dieser Leuchtenserie des Spaniers David Lopez Quincoces. Sie ist als Wand- oder Pendelleuchte erhältlich sowie als Rise-and-Fall-Pendelleuchte. Allen Modellen gemeinsam ist das elegante, schlanke Design der Aluminiumschiene, in der sich die Lichtquelle befindet.

So vielfältig die Produktpalette der Mailänder Marke Oluce ist, so vielfältig sind auch die Namen derjenigen, die im Namen der Firma Leuchten entworfen haben: Da waren und sind unter anderem Jörg Boner, Mario Antonio Arnaboldi, Hannes Wettstein oder Joe Colombo. Doch ganz von vorn, schliesslich reklamiert Oluce für sich, der dienstälteste italienische Leuchtenproduzent zu sein: Alles beginnt mit Guiseppe Ostuni, geboren 1907 in Triest. Ostuni, der wie so viele nach dem Krieg vor den Trümmern seiner Existenz stand, widmete sich ab Mitte der 1940er-Jahre der Produktion von Leuchten. Und zwar als Autodidakt, aber mit einer stetig wachsenden Liebe zu Licht, Beleuchtung und all den technischen Möglichkeiten, die man dafür nutzen konnte. Es entstanden in seiner Werkstatt Leuchten, die das Material als Element der Gestaltung integrierten: Ein gebogenes Metallrohr, das als Ständer und Halterung für den Lampenschirm dient, nimmt gleichzeitig das Kabel auf. Letzteres wirkt plötzlich nicht mehr störend, sondern verschwindet elegant in der Konstruktion. Oder Tischleuchten, die man ausziehen konnte, die folglich für Schreibtisch oder Fussboden gleichermassen geeignet waren. Viele dieser Leuchten werden seit Jahren nicht mehr hergestellt und sind heute zu gefragten Vintage-Objekten geworden.

Dass Ostuni Leuchten von hoher Qualität produziert, mit modernen Materialien und ausgefeilten technischen Lösungen, in zeitgemässer Formensprache – diese Nachricht verbreitete sich bald über die Grenzen Italiens hinaus: Bereits Ende der 1940er-Jahre kamen von Ostuni gefertigte Deckenleuchten in einer neuen Siedlung in Rekingen AG zum Einsatz, auch gab es sehr bald einen Vertriebshändler in der Schweiz. Doch kauften wohl viele Menschen Leuchten aus der Firma Giuseppe Ostunis, ohne es zu wissen – denn meist wurden damals weder der Name des Herstellers noch des Designers angegeben. Heute ist ganz klar: Wo Oluce drin ist, steht auch Oluce drauf – in der Schweiz im Vertrieb der Firma Arteluce aus Regensdorf, die schweizweit liefert. Doch zurück zu Ostuni: Auch heute noch gestalten sich Nachforschungen zu seiner Person schwierig. Im Rampenlicht zu stehen, war ihm nicht wichtig, so ist es zu vermuten. Er interessierte sich vor allem dafür, wie man mit modernen Möglichkeiten die beste Beleuchtung für einen Raum gestalten konnte. Und das kam in der Schweiz ganz besonders gut an: Viele Architekten hierzulande verwendeten Ostunis Produkte, und so waren die Leuchten aus Mailand auch immer wieder in Baureportagen abgebildet, zum Beispiel im Magazin «Bauen + Wohnen».

Weil so viele Stars für Oluce arbeiteten, gerieten die frühen eigenen Entwürfe Ostunis zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit. Doch seit einigen Jahren bietet Oluce diese Klassiker in einer Wiederauflage an, zum Beispiel die Serie «1953», die Guiseppe Ostuni zusammen mit Renato Forti gestaltete.
Weil so viele Stars für Oluce arbeiteten, gerieten die frühen eigenen Entwürfe Ostunis zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit. Doch seit einigen Jahren bietet Oluce diese Klassiker in einer Wiederauflage an, zum Beispiel die Serie «1953», die Guiseppe Ostuni zusammen mit Renato Forti gestaltete.
Guiseppe Ostuni mit Joe Colombo: Der Firmengründer förderte Colombo von Anfang an, umso tragischer traf ihn der frühe Tod seines wichtigsten Designers mit nur 41 Jahren. Foto: Courtesy Oluce.
Guiseppe Ostuni mit Joe Colombo: Der Firmengründer förderte Colombo von Anfang an, umso tragischer traf ihn der frühe Tod seines wichtigsten Designers mit nur 41 Jahren. Foto: Courtesy Oluce.

1952 schliesslich gelang den Stücken sogar der Sprung nach Amerika: Im MoMa New York wurden in einer Ausstellung zu zeitgenössischem Design zwei Stehleuchten aus Ostuni-Produktion gezeigt. Nationale wie internationale Auszeichnungen für die Entwürfe, unter anderem von Architekt Franco Buzzi, und viel Presseberichterstattung im In- und Ausland komplettierten das Bild von den zeitgemässen Leuchten aus Mailand. Im Nachkriegs-Bauboom der Schweiz entschieden sich vor allem in der Gegend um Zürich viele Architekten für Ostuni-Leuchten, genauso wie Privatleute – nach wie vor oftmals, ohne genau zu wissen, woher diese präzise gefertigten Stücke eigentlich kamen. Doch das Geschäft florierte und Ostuni kümmerten andere Dinge. Ihm ging es um Innovation. Darum, wie man neue Technologien so nutzen kann, dass die perfekte Leuchte entsteht – zum Beispiel mit Halogen. Ab 1962 fand Ostuni für unkonventionelle Projekte den perfekten Kooperationspartner: Einen, der zwar Cesare hiess, aber Joe genannt werden wollte. Einen, der keine Ausbildung in einem technischen Beruf hatte, aber neue Leuchten gestalten wollte. Der intensive Erfahrungen in der Welt der modernen Kunst und Musik gesammelt hatte, aber auch eine Zeit lang als Autohändler gearbeitet hat und sich dann als Industriedesigner selbstständig machte. Dieser junge Mann – bekannt als Joe Colombo – begeisterte den Autodidakten Ostuni und er begann, mit ihm zu arbeiten. Die Modelle, die Colombo in den folgenden neun Jahren für Ostuni entwarf, sind teils noch heute erhältlich – so zum Beispiel die Stehleuchte «Coupé», eine Ikone italienischen Leuchtendesigns. Mit den Entwürfen von Joe Colombo kam Ostunis Unternehmen auf dem Höhepunkt seines Erfolgs an. Umso mehr warf es den mittlerweile 65 Jahre alten Firmengründer aus der Bahn, als sein wichtigster Designer 1971, im Alter von gerade einmal 41 Jahren, an einem Herzinfarkt verstarb. Colombo wurde zur Ikone – und so wundert es nicht, dass Luciano Ballarin von Arteluce, Schweizer Vertretung für Oluce-Leuchten, ihn bei der Frage nach seinen Favoriten zuerst nennt.

Fest steht: Heute produziert Oluce nicht nur die Leuchten von Joe Colombo, sondern viele weitere gefragte Klassiker von Vico Magistretti, Bruno Gecchelin, Marco Zanuso und Tito Agnoli. Und fördert junge Talente wie Francesca Borelli, Mariana Pellegrino Soto oder David Lopez Quincoces. Deren Entwürfe von heute vielleicht in 50 Jahren selbst als Klassiker gelten – und nicht mehr produziert werden. Zeit also, diese Leuchten zu kaufen – und sich so die gefragten Stücke von morgen ins Haus zu holen.

OLUCE / ARTE-LUCE

Eine Ikone für den Nachttisch oder die Leseecke: «Coupé» (hier zu sehen in der Neuauflage «Mini Coupé») von Joe Colombo stammt aus dem Jahr 1967. Das Original ist Teil der Sammlung des MoMA in New York und der «Neuen Sammlung» im Kunstareal München.
Eine Ikone für den Nachttisch oder die Leseecke: «Coupé» (hier zu sehen in der Neuauflage «Mini Coupé») von Joe Colombo stammt aus dem Jahr 1967. Das Original ist Teil der Sammlung des MoMA in New York und der «Neuen Sammlung» im Kunstareal München.
Ein umfassender und kenntnisreicher Einblick in die Geschichte der Firma, die so viele Ikonen hervorbrachte: Thomas Bräuninger: O-LUCE di Guiseppe Ostuni. Lumipress, 2021. Bräuninger erzählt die Geschichte von des in Triest geborenen Guiseppe Ostuni und der Zusammenarbeit mit seinen Designern. Eine Fundgrube mit vielen historischen Dokumenten und Abbildungen.
Ein umfassender und kenntnisreicher Einblick in die Geschichte der Firma, die so viele Ikonen hervorbrachte: Thomas Bräuninger: O-LUCE di Guiseppe Ostuni. Lumipress, 2021. Bräuninger erzählt die Geschichte von des in Triest geborenen Guiseppe Ostuni und der Zusammenarbeit mit seinen Designern. Eine Fundgrube mit vielen historischen Dokumenten und Abbildungen.

Text: Barbara Hallmann
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 12/21•01/22

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