Purismus aus Italien

Wo der Salone del Mobile stattfindet und sich grosses italienisches Design auch im Alltag an jeder Strassenecke erleben lässt, gestalten zwei waschechte Nordeuropäer seit zwanzig Jahren ganz eigenständige Entwürfe, die elegant und preisgekrönt einen Weg zwischen Nord und Süd, zwischen Reduktion und Opulenz finden.

Viel Bauhaus mit einer Prise Italien: Diese Sessel tragen den Namen «Loka» und bestehen lediglich aus einem Gestell aus Birkenholz und vier Kissen.
Viel Bauhaus mit einer Prise Italien: Diese Sessel tragen den Namen «Loka» und bestehen lediglich aus einem Gestell aus Birkenholz und vier Kissen.
Geboren in Deutschland, bekannt geworden in Mailand: Steffen Kaz und Catharina Lorenz arbeiten seit mehr als 20 Jahren zusammen – und gehen nach wie vor mit ganz viel Enthusiasmus an jedes neue Projekt heran. Foto: Emanuele Zamponi.
Geboren in Deutschland, bekannt geworden in Mailand: Steffen Kaz und Catharina Lorenz arbeiten seit mehr als 20 Jahren zusammen – und gehen nach wie vor mit ganz viel Enthusiasmus an jedes neue Projekt heran. Foto: Emanuele Zamponi.

Wohnen und arbeiten am gleichen Ort? Was ein bisschen nach Landidylle klingt, leben die beiden Designer Catharina Lorenz und Steffen Kaz seit vielen Jahren mitten in Mailand. Im obersten Geschoss eines Gebäudes an der Piazza Gabrio Piola liegt ihre Wohnung, eine Etage darunter ihr Studio. Dass ihre Namen jeden italienischen Klang vermissen lassen, hängt mit ihrer Herkunft zusammen: Beide wuchsen in Deutschland auf; Catharina Lorenz in der Nähe des Starnberger Sees in Bayern, Steffen Kaz in Stuttgart. Zwar waren ihre Eltern keine Designer, doch die Familien prägten sie sehr wohl. Catharina Lorenz’ Vater besass eine Spielwarenfabrik, die unter anderem Konstruktionsspielzeug herstellte. Er entwickelte die Maschinen selbst und gestaltete viele Produkte. So kam sie früh intensiv damit in Kontakt, wie aus mehreren Teilen, in verschiedenen Farben und Formen, etwas Neues entstehen kann, das funktioniert und dabei noch gut aussieht. Steffen Kaz‘ Mutter hatte eine Modeschule besucht und arbeitete für Modefirmen. «Sie war eine Kreative», erzählt er. Es war eine ihrer Wohnzeitschriften, in der er seine Bestimmung fand: «Ich war völlig hin und weg von einer Serie mit Möbelklassikern», erinnert er sich. Mit 14 und dem ersten selbstverdienten Geld kaufte er sich eine Tizio-Leuchte von Richard Sapper. Und setzte sich schon damals ein ehrgeiziges Ziel: Selbst irgendwann ein Design zu entwickeln, das es ins New Yorker MoMa schafft. 1990 begab er sich auf diesen Weg, begann ein Designstudium an der Kunstakademie Hamburg. Seinen Abschluss machte er schliesslich am Londoner Royal College of Art und arbeitete direkt im Anschluss eineinhalb Jahre für die Kunstmäzenin Susan Kasen Summer in New York.

Zur gleichen Zeit hatte Catharina Lorenz nach viereinhalb Jahren Studium ihren Abschluss in Industriedesign auf der Darmstädter Mathildenhöhe bereits in der Tasche. Danach ging sie für ein Jahr nach London und arbeitete auch in Deutschland. Bis sie 1995 fand: Jetzt ist’s Zeit für Italien – ein Universum, das sie seit jeher fasziniert hatte. Sie bekam ein Angebot vom Studio Ettore Sottsass, wo sie in der international besetzten Designabteilung unter anderem die Sitzgelegenheiten für den Flughafen Malpensa mitgestaltete. Und an genau diesem Arbeitsplatz ereignete sich gut drei Jahre später etwas, das Catharina Lorenz genau so wenig vergessen hat wie ihr heutiger Mann: James Irvine, Partner von Sottsass Associati und Leiter der Designabteilung, brachte einen jungen Deutschen mit ins Büro, der gerade im Studio des gebürtigen Briten angefangen hatte zu arbeiten. Und der junge Designer mit Namen Steffen hörte am Schreibtisch von Catharina Lorenz aus James Irvines Mund folgende wegweisende Worte: «Here comes your woman.» Die beiden erinnern sich noch gut an diese peinliche Situation – und daran, wie Steffen Kaz nach einem kurzen Gruss versuchte, das Büro von Sottsass Associati möglichst schnell wieder zu verlassen. Er war ja nicht wegen der Suche nach einer deutschen Frau nach Mailand gezogen, sondern um sich beruflich weiter zu entwickeln.

Zwei Designer, eine Passion
In Mailand liefen die Dinge von Anfang an gut für Steffen Kaz. Zumindest dauerte es nicht lange, da hatte er eine Lieblingsbar ausgemacht – zusammen mit Berufskollegin Catharina Lorenz. Dort diskutierten sie viele Abende und waren dabei nicht immer einer Meinung. Besonders in Bezug auf Design: «Wir haben damals viel auf Servietten gezeichnet. Es ging gar nicht darum, etwas Konkretes zu entwickeln», erzählt Catharina Lorenz. «Uns hat eine Passion für gute Gestaltung zusammengeführt – und genau darüber haben wir am Anfang auch viel gestritten», resümiert Steffen Kaz. Irgendwann entwickelte sich mehr aus diesen Ideen auf Zellstoff. Und dazu gab erneut James Irvine den Anstoss: Er war es, der Catharina Lorenz motivierte, ein eigenes Studio zu eröffnen – was sie nicht ohne Steffen tat, der inzwischen auch privat ihr Partner war. Und so gründeten die beiden im Jahr 2001 das Büro Lorenz + Kaz, das schnell international Erfolg hatte. Zu den treuen Auftraggebern gehörten bald deutsche und italienische Firmen, die auf den wandelbaren und doch verlässlichen Stil des Duos aufmerksam geworden waren. Die Marken Colé und De Padova – um nur zwei zu nennen – bauen seit vielen Jahren auf die Zusammenarbeit. Immer wieder würdigen auch die Jurys von Designpreisen ihre Arbeit: Erst kürzlich erhielten sie mit ihren Badserien für die koreanische Marke Saturn Bath einen IF Design Award.

Zum Erfolg trägt mittlerweile ein kleines Team von MitarbeiterInnen bei. Im Ergebnis schaffen Catharina Lorenz und Steffen Kaz Entwürfe mit einer hohen Eigenständigkeit, die das Beste des europäischen Designs zusammenbringen. «Nordisch-Italienisch» nennen sie selbst ihren Stil. «Wir kommen gestalterisch natürlich aus der nordischen Welt», sagt Catharina Lorenz. «Aber unsere Entwürfe haben nicht die gleiche Strenge. Es gibt immer dieses Plus, das eindeutig italienisch ist.» Mal ist das eine besondere Farbe, mal eine wirklich aussergewöhnliche, fast schon verspielte Formensprache. Einfach nur auf maximale Reduktion bedacht sind die Objekte jedenfalls nie.

Bislang machen Stühle, Sessel und Sofas zusammengenommen den Grossteil ihrer Projekte aus. In jüngster Zeit sind allerdings immer mehr Designs für Bäder dazugekommen, für Antonio Lupi genauso wie für die koreanische Marke Saturn Bath. Auf dem diesjährigen Salone del Mobile haben sie auch eine Kollektionen für die italienische Armaturenmanufaktur Nicolazzi vorgestellt. «Ein faszinierendes Unternehmen, das noch zu 100% am Lago d’Orta sehr händisch produziert», sagt Steffen Kaz. «Wirklich ein Kleinod, das man in die Zukunft begleiten muss.» Ausserdem haben Lorenz + Kaz gerade mit Steffens Bruder und weiteren Partnern eine Firma für die Gestaltung und Umsetzung von Möbeln fürs Alterswohnen gegründet.

Pläne und Ideen haben die beiden also viele. Bis ins MoMa hat es bisher noch keines der Designs von Lorenz + Kaz geschafft. «Aber ich hatte mir schon im ersten Semester in Hamburg noch etwas anderes vorgenommen – und das haben wir schon mehrmals erreicht», sagt Steffen Kaz, der eines seiner Möbel im Eckfenster von de Padova ausgestellt sehen wollte – im Olymp für Designer am Corso Venezia. Dass die Sache mit dem MoMa einstweilen noch auf der To-Do-Liste steht, findet der Designer übrigens nicht schlimm – ganz im Gegenteil: «Die Lust am Gestalten hat uns nie verlassen. Es soll uns ja nicht langweilig werden.»

LORENZ + KAZ

Eines für alles: Für einen koreanischen Hersteller entwickelten die beiden Designer ein freistehendes Badmodul, das die Integration eines kompletten Waschtischs mitten im Raum ermöglicht. Sie erhielten dafür kürzlich einen IF Design Award.
Eines für alles: Für einen koreanischen Hersteller entwickelten die beiden Designer ein freistehendes Badmodul, das die Integration eines kompletten Waschtischs mitten im Raum ermöglicht. Sie erhielten dafür kürzlich einen IF Design Award.
Für den italienischen Möbelhändler De Padova entstand das Schreibtischsystem «Piu». Das Besondere: Die Ablage kann man dort positionieren, wo sie gerade gebraucht wird – oder nicht stört. So wird der Arbeitstisch im Handumdrehen zum Besprechungstisch.
Für den italienischen Möbelhändler De Padova entstand das Schreibtischsystem «Piu». Das Besondere: Die Ablage kann man dort positionieren, wo sie gerade gebraucht wird – oder nicht stört. So wird der Arbeitstisch im Handumdrehen zum Besprechungstisch.

Weitere Designs von Lorenz + Kaz gibt es im Magazin RAUM UND WOHNEN zu entdecken. Die Ausgabe 06•07/22 lässt sich online bestellen.

Text: Barbara Hallmann
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 06•07/22

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