Eines wie keines

Die Möbelmanufaktur Kettnaker ist bekannt für Systemmöbel, die sich bis ins kleinste Detail individuell konfigurieren lassen. Trotzdem ist es nicht immer das Ziel, jeden Kundenwunsch kommentarlos zu erfüllen.

Der neugestaltete Showroom bietet einen Überblick über die zahlreichen Konfigurationsmöglichkeiten der modularen Systemmöbel für die verschiedenen Wohnbereiche. Im Mittelpunkt steht das System «Soma», das dank magnetischer, auswechselbarer Frontverkleidungen jeden gewünschten Stil widerspiegeln kann. Foto: Ingo Rack.
Der neugestaltete Showroom bietet einen Überblick über die zahlreichen Konfigurationsmöglichkeiten der modularen Systemmöbel für die verschiedenen Wohnbereiche. Im Mittelpunkt steht das System «Soma», das dank magnetischer, auswechselbarer Frontverkleidungen jeden gewünschten Stil widerspiegeln kann. Foto: Ingo Rack.
Das Familienunternehmen Kettnaker wurde vor mehr als 150 Jahren im schwäbischen Dürmentingen als Schreinerei gegründet. Heute ist die Möbelmanufaktur bekannt für ihre modularen Systemmöbel, die nach wie vor zu 100% in Deutschland gefertigt werden. Mittlerweile leitet CEO Wolfgang Kettnaker das Unternehmen in fünfter Generation. Seine Schwester Karin Brobeil ist als Creative Director für den Markenauftritt verantwortlich. Foto: Lust auf Gut.
Das Familienunternehmen Kettnaker wurde vor mehr als 150 Jahren im schwäbischen Dürmentingen als Schreinerei gegründet. Heute ist die Möbelmanufaktur bekannt für ihre modularen Systemmöbel, die nach wie vor zu 100% in Deutschland gefertigt werden. Mittlerweile leitet CEO Wolfgang Kettnaker das Unternehmen in fünfter Generation. Seine Schwester Karin Brobeil ist als Creative Director für den Markenauftritt verantwortlich. Foto: Lust auf Gut.

Ich spüre förmlich die fragenden Blicke meines Navigationssytems, als ich Dürmentingen als Ziel eingebe. Dürmentingen, ein kleiner Ort mitten im Grünen, im baden-württembergischen Landkreis Biberach, von dem ich zuvor noch nie gehört habe. Hier befindet sich der Firmensitz der Marke Kettnaker, der ich anlässlich der Designweek einen Besuch abstatte. Während dieses gemeinsamen Showroom-Events laden die acht renommiertesten deutschen Interior-Brands an ihre Standorte ein – die alteingesessene Möbelmanufaktur ist eine davon. Ich bin mit Wolfgang Kettnaker verabredet, der das Unternehmen in fünfter Generation führt.

Der Besuch im Showroom beginnt mit einer Überraschung, denn von der Geschichte des Familienunternehmens erfahre ich bei einem gemeinsamen Mittagessen. Fünf Generationen, da spielt Tradition eine grosse Rolle – nicht zuletzt in kulinarischem Sinn. Und die weckt bei mir doch direkt Kindheitserinnerungen, als meine geliebten schwäbischen Maultaschen serviert werden. Dazu Kartoffelsalat, selbstgemacht von Frau Kettnaker Senior. Die lässt es sich seit jeher – auch jetzt, mit ihren 80 Jahren – nämlich nicht nehmen, diesen für besondere Anlässe zuzubereiten, erzählt Karin Brobeil, die Schwester Wolfgang Kettnakers lachend. Sie sitzt gemeinsam mit uns am Tisch und verrät nun einiges über das Einrichtungskonzept des Showrooms, für das sie, als Creative Director, verantwortlich ist. Ziel war es, Trends, neue Farbvarianten und Materialien zu zeigen und damit ein einladendes, edles Ambiente zu schaffen, das in jedem der einzelnen Bereiche – Schlafen, Wohnen, Essen – spürbar ist.

Nach dem Essen führen mich die Geschwister durch die besagten Wohnbereiche, in denen jeweils ein Stauraummöbel inszeniert ist, das bei genauem Hinsehen irgendwie den anderen ähnelt. Allerdings nur vom Aufbau her, denn ihr Aussehen ist völlig unterschiedlich. Es handelt sich um das modulare, wandelbare Möbelsystem «Soma», das seit einigen Jahren zum Portfolio gehört. Dahinter steckt ein einfaches wie raffiniertes Prinzip: Sämtliche Komponenten des Stauraummöbels sind frei wähl- und kombinierbar, vom Aufbau und Innenleben bis hin zum Design. Das Besondere sind die sechs Millimeter feinen magnetischen Frontblenden, mit denen die Schränke und Sideboards rundum verkleidet sind. Sie können jederzeit werkzeuglos ausgetauscht werden. Einige der Gestaltungsbeispiele sind hier zu sehen, darunter ein deckenhoher Raumteiler in dunklem Holz, ein extravagantes Sideboard mit Beton-Oberfläche und farbigem Untergestell oder eine Schubladen-Kommode mit schimmernder Messingoberfläche. «Wir möchten zeigen, dass unsere Marke für Individualität steht und keinen speziellen Stil repräsentiert», erklärt Wolfgang Kettnaker. «Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Wir als Möbelmanufaktur stellen das Klavier zur Verfügung, auf dem eine persönliche Melodie gespielt werden soll. Dafür braucht es allerdings einen Pianisten.» Ja, eine Wohnberatung macht bei so vielen Möglichkeiten durchaus Sinn, sonst wäre wohl so mancher überfordert. Und das nicht nur bei der Wahl der Farben. Die allerdings stünde aber eh erst am Ende an, denn zuerst gehe es um den Zweck des neuen Möbelstücks. Es sollte eben nicht einfach nur das alte ersetzen. Im Gegenteil. Ein neues Möbelstück ist wie ein Frisörbesuch – Zeit für Veränderung. «Da wandert am Ende auch mal ein altes, unbenutztes Porzellangeschirr zum Flohmarkt, statt ins neue Sideboard. «Aber so eine Entscheidung fällt auch nicht immer ganz freiwillig», erzählt der CEO, «da muss ich schon ein bisschen nachhelfen.» Und auch wenn es um das Design und die Farbigkeit geht, hält er sich mit wohlwollender Kritik nicht zurück. «Es passen eben nicht immer alle Farben zusammen. Und manchen Menschen tut man einfach keinen Gefallen, wenn man kommentarlos all ihre Wünsche erfüllt.»

Meistens jedoch seien die Möbel, die die Produktion in Dürmentingen verlassen, harmonisch abgestimmt. Und wenn nicht, ist ja noch nichts verloren. Denn den Look kann man jederzeit nachträglich verändern, ohne gleich das komplette Möbel austauschen zu müssen. Klingt für mich eigentlich nach der idealen Gelegenheit, auch mal etwas Neues auszuprobieren. Ich bin neugierig. Was Wolfgang Kettnaker sich denn bei seiner eigenen Einrichtung getraut habe, möchte ich, mit einem Bild ungewöhnlicher Farb- und Materialkombinationen vor Augen, von ihm wissen. Ein Sideboard mit der neuen Beton-Oberfläche stehe bei ihm zuhause. «Und, welche Farbe hat das Gestell?», frage ich gespannt, während wir vor einem mit frechem, neongelben Unterbau stehen und erwarte alles, nur nicht – schwarz. «Aber vielleicht tausche ich es doch mal aus. Bisher hatte ich einfach noch nicht den Mut», meint er augenzwinkernd.

KETTNAKER

«Soma» – ein System, mehrere Stile: Als Highboard der «Soma Edition» in Lack Messing, als rubinfarbenes Sideboard mit leuchtrotem Untergestell oder als Sideboard mit einer Betonoberfläche, die erst diesen Herbst präsentiert wurde. Foto: Ingo Rack. 
«Soma» – ein System, mehrere Stile: Als Highboard der «Soma Edition» in Lack Messing, als rubinfarbenes Sideboard mit leuchtrotem Untergestell oder als Sideboard mit einer Betonoberfläche, die erst diesen Herbst präsentiert wurde. Foto: Ingo Rack. 
«Soma» – ein System, mehrere Stile: Als Highboard der «Soma Edition» in Lack Messing, als rubinfarbenes Sideboard mit leuchtrotem Untergestell oder als Sideboard mit einer Betonoberfläche, die erst diesen Herbst präsentiert wurde. Foto: Ingo Rack. 
«Soma» – ein System, mehrere Stile: Als Highboard der «Soma Edition» in Lack Messing, als rubinfarbenes Sideboard mit leuchtrotem Untergestell oder als Sideboard mit einer Betonoberfläche, die erst diesen Herbst präsentiert wurde. Foto: Ingo Rack.

Text: Silja Cammarata
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 12/22•01/23

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