Wo andere glätten und optimieren, lässt Hella Jongerius Reibung zu. Ihre Arbeiten zeigen Nähte, Knoten und Brüche und entfalten in diesen Details ihre Schönheit. Imperfektion wird zu einer bewussten Geste und lädt dazu ein, Design als offenen Prozess zu erfahren.
Die Erforschung von Farbe, Material und Textur ist für Hella Jongerius nie abgeschlossen. Jede Frage, die sie stellt, bleibt offen, jede Antwort ist vorläufig und manifestiert sich in fertigen wie in halbfertigen Arbeiten. In diesem Schwebezustand liegt das Ethos ihres Studios Jongeriuslab. Jedes Objekt wirkt wie ein fertiger Entwurf, zeigt aber gleichzeitig, dass es Teil eines grösseren Prozesses ist, der eine Geschichte hat und sich weiterentwickelt. Unvollkommenheiten, sichtbare Spuren der Herstellung und das verborgene Potenzial der Materialien machen das Unfertige und das Mögliche spürbar. Jongerius zelebriert damit nicht das Resultat, sondern den Weg dorthin, und lädt BetrachterInnen wie NutzerInnen ein, an diesem Prozess teilzunehmen.
Im Berliner Atelier der Designerin zirkulieren Ideen und Werkstoffe in permanenter Bewegung. Materialien werden aufgegriffen, verworfen und neu kombiniert. Knotige Netze, die an Makramee erinnern, und grosse Keramikperlen bedecken die Tische. Sie führen einen Vorhang weiter, den Jongerius 2013 für die Delegiertenlounge der Vereinten Nationen entwarf. Die Perlen stammen von Royal Tichelaar, dem ältesten Keramikunternehmen der Niederlande. Die komplizierten Knoten erinnern an die niederländische Seefahrtsgeschichte und zeigen, wie eng Material und Erzählung miteinander verbunden sind. «Die Zukunft von gutem, sozial verantwortlichem Design liegt in der Weiterentwicklung von Ideen», sagt Jongerius. Nach Jahrzehnten ihres Schaffens zeigt sich, dass die Entwürfe am längsten bestehen, die sich verändern dürfen. Sie arbeitet an Objekten, die nie ganz abgeschlossen sind und den NutzerInnen Raum lassen, sie zu interpretieren, zu benutzen und mit Bedeutung zu füllen. In Zusammenarbeit mit Galerien ebenso wie mit Ikea nutzt sie handwerkliche Techniken und ihre Unregelmässigkeiten und «gibt dem Objekt Sauerstoff».
Das komplette Portrait gibt es in der Ausgabe 05•06/26 vom Magazin RAUM UND WOHNEN.
Text und Fotos: Anne-Catherine Scoffoni, Bearbeitung: Kirsten Höttermann
aus dem Magazin: Raum und Wohnen, Zeitschrift Nr. 05•06/26