Polen ist auf der Überholspur. Das trifft auch auf die Designszene zu, die äusserst vielseitig ist und spielerisch zwischen den Disziplinen wandelt. Die oft jungen ProtagonistInnen sind gut ausgebildet und wagemutig noch dazu. Eine Reise in den Osten offenbart kunstvolle Glasobjekte, wiederauferstandenes Teppichhandwerk und metallene Coolness.
Sichtbarkeit ist eine Währung. Das weiss auch Katarzyna Jordan, Herausgeberin von High-End-Magazinen wie Harper’s Bazaar Polska, Vogue Polska und Vogue Polska Living. Die Unternehmerin und Kunstmäzenin gründete im letzten Jahr die Visteria Foundation und kaufte eine Villa im Zentrum Warschaus, die als Stiftungssitz und Ausstellungsort ausgebaut wird. Jordan hat es sich zur Aufgabe gemacht, (zeitgenössisches) polnisches Design und Handwerk auch im Ausland bekannt zu machen – mit kuratierten Ausstellungen in Mailand und Paris.
Reist man durch Polen und insbesondere in die Metropolen Warschau und Danzig, stellt man schnell fest: Die Designszene ist vielfältig und verfügt über herausragende Talente. Junge GestalterInnen sind wagemutig, gründen eigene Studios und Unternehmen.
Zur Milan Design Week 2025 zeigte die polnische Visteria Foundation die von Federica Sala kuratierte Überblicksschau «Romantic Brutalism» mit zeitgenössischen polnischen Designwerken. Über dem kunstvollen Konsoltisch von Formosophy hängt eine Leuchte des Bildhauers Marek Bimer, während die handgefertigten Wand- und Deckenarbeiten von Mikołaj Moskal und Kaja Gliwa auf die polnische Volkskunst des Scherenschnitts referenzieren.
Foto: Ludovic Balay.
In der Villa Gawrońskich in Warschau fand im Jahr 2026 die von Federica Sala und Anna Maga für die Visteria Foundation kuratierte Ausstellung «Polish Modernism. A Struggle for Beauty» statt, die zuvor während der Milan Design Week zu sehen war. Sie zeigt, wie vielfältig der polnische Modernismus war und welchen Einfluss er auf das zeitgenössische polnische Design hat. Gerade weil er im Unterschied zur funktionalistischen Moderne an der Bedeutung von dekorativer und angewandter Kunst festhielt. Schönheit war dabei immer mehr als eine Frage der Ästhetik: Sie wurde zum Ausdruck kultureller Identität und zuweilen zu einer Form des Widerstands. Die Ausstellung bringt historische Leihgaben aus dem Nationalmuseum in Warschau mit Arbeiten zeitgenössischer Designer wie Mati Sipiora, Marek Bimer und Maja Ganszyniec zusammen.
Foto: Michał Łukasik.
Die gestalterische Arbeit von Monika Szyca-Thomas ist eng mit ihrer Familiengeschichte verwoben. Ihr Grossvater gründete in den Fünfzigerjahren im polnischen Chojnice eine Schlosserwerkstatt, und ihr Vater ist ebenfalls als Schlossermeister tätig. Genau an diesem traditionsreichen Ort entstehen auch die Möbel, die Szyca-Thomas mit ihrem 2019 gegründeten Label The Good Living & Co. entwirft. Zu ihrer Kollektion gehören Sideboards ebenso wie Regale, Sessel und Beistelltische. Dabei spielt die Verbindung von handwerklicher Tradition und zeitgenössischem Design eine wesentliche Rolle. «Aus Stahl gefertigte Möbel sind solide und gleichermassen schön», sagt die Designerin.
Foto: Tomo Yarmush.
Filomena Smoła entwirft nicht nur fragile Stücke aus Glas – sie stellt sie als eine von wenigen Frauen im Glasbläserei-Business auch selbst her. Dass sie dabei zwischen Kunst und Design wandelt, hat auch mit ihrer Ausbildung und ihrem beruflichen Werdegang zu tun. Smoła studierte an der Fakultät für Keramik und Glas sowie Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Breslau. Anschliessend erhielt sie ein Masterstipendium an der amerikanischen Kent State University, wo sie heute Glasbläserei lehrt. Neben einer Serie von Vasen, für die Smoła polnische Spitze verarbeitet hat und damit auf die polnische Handwerkstradition verweist, hat sie auch eine Schmuckkollektion entworfen, die sehr kontemporär anmutet – darunter Ringe, Armbänder, Ketten und Ohrringe.
Foto: Filomena Smoła.
Im Warschauer Studio von Przemek Cepak hängen unzählige Teppiche an den Wänden. Mit geometrischen Mustern, in feinen Farbstellungen, allesamt handgewebt. Während der Pandemie hat der junge Pole Splot Kilim gegründet und dafür einen sicheren Job aufgegeben. Mit seinem Unternehmen leistet Cepak auch einen Beitrag zur Wiederbelebung einer jahrhundertealten Handwerkstradition, die Herstellung von Kelims. Nach dem politischen Umbruch der Neunzigerjahre und dem Zusammenbruch der Teppichindustrie drohte sie in Vergessenheit zu geraten. «Niemand wollte mehr polnisches Kunsthandwerk kaufen», erzählt Cepak. «Man orientierte sich lieber nach Westen.» Heute knüpft er bewusst an diese Tradition an und verbindet sie mit einer zeitgenössischen Designauffassung. Neben historischen Mustern aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts setzt Cepak vor allem auf die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen DesignerInnen. Daraus entstehen in Bobowa bei Krakau und im ostukrainischen Hlynjany farbintensive Teppiche mit eigenwilligen, grafischen Mustern – etwa «New Poltava» von Zenovia Shulha oder «Wacław» von Dominika Krogulska-Czekalska (rechts im Bild). Cepak beobachtet ein zunehmendes Selbstbewusstsein in der polnischen Designszene. Diese greife internationale Trends schnell auf und setze sie mit eigenem Talent und Know-how um, sagt er.
Foto: Splot Kilim.
Nachdem er jahrelang in London gelebt hat, ist Marcin Rusak – Polens wohl bekanntester Designer – zurück in seine Heimat gezogen. Vor allem die Natur habe ihn dazu bewogen, sagt er. Nun führt er ein geradezu beschauliches Landleben in Świdno, wo er ein verfallenes, schlossartiges Gutshaus aus dem 18. Jahrhundert gekauft hat. Es beherbergt Ausstellungsräume mit historischen Parkettböden und Kaminen – eine ausgesprochen atmosphärische Bühne für die Arbeiten des Designers. Sie sind von einer besonderen poetischen Qualität, was nicht zuletzt an den ungewöhnlichen Materialien liegt, mit denen Rusak arbeitet. Er sammelt Pflanzen, Blumen und Blüten, konserviert sie in Kunstharz oder umhüllt sie mit Schichten
aus Metall. Aus diesen organischen Fundstücken entstehen Tische, Schränke und Stühle, die oftmals eher Kunstwerke als klassische Designobjekte sind. «Meine Arbeiten haben keinen funktionalen Hintergrund», sagt Rusak. Seine intensive
Beschäftigung mit Pflanzen ist eng mit seiner Familiengeschichte verbunden. Sein Grossvater züchtete und verkaufte einst exotische Pflanzen in eigenen Gewächshäusern – eine unternehmerische Tätigkeit, die im sozialistischen Polen sehr ungewöhnlich war. Rusaks Mutter und seine Schwester führen diese Familientradition gewissermassen bis heute fort, denn sie betreiben in Warschau einen Blumenladen, der für den multidisziplinär arbeitenden Designer Materialfundus und Inspirationsquelle zugleich ist.
Foto: Alessandro Saletta, Pion Studio, Ludovic Balay.
Mehr über die Designszene in Polen ist in der Ausgabe 10•11/26 vom Magazin RAUM UND WOHNEN zu erfahren.
Text: Claudia Simone Hoff
aus dem Magazin: Raum und Wohnen, Zeitschrift Nr. 10•11/26