Dschungel in Zürich

Mitten im geschäftigen Zürich, zwischen Paradeplatz und Limmat einen gut gestalteten Ruhepol finden? Ja, das geht: Das Hotel St. Peter, gelegen an der gleichnamigen Kirche, schafft es, hippes Stadthotel und gleichzeitig Wohlfühloase zu sein.

Üppige Pflanzen säumen den Weg zur Rezeption.
Üppige Pflanzen säumen den Weg zur Rezeption.
Die Zimmer laden zum Verweilen ein – eine kleine, aber vollwertige Küche und ein extra Sofa machen daraus ein Zuhause auf Zeit.
Die Zimmer laden zum Verweilen ein – eine kleine, aber vollwertige Küche und ein extra Sofa machen daraus ein Zuhause auf Zeit.
Glockengeläut am Morgen: Einzelne Zimmer gehen direkt auf den Kirchturm von St. Peter und den kleinen ruhigen Hof vor der Kirche, in den sich nur selten jemand verirrt.
Glockengeläut am Morgen: Einzelne Zimmer gehen direkt auf den Kirchturm von St. Peter und den kleinen ruhigen Hof vor der Kirche, in den sich nur selten jemand verirrt.
In den 1970er-Jahren wurde das historische «Haus in Gassen» abgerissen und ein Betonklotz an seine Stelle gesetzt. Nachdem hier eine Grossküche, ein Personalrestaurant und Büros untergebracht waren, zog nun ein Hotel der Sorell-Gruppe ein.
In den 1970er-Jahren wurde das historische «Haus in Gassen» abgerissen und ein Betonklotz an seine Stelle gesetzt. Nachdem hier eine Grossküche, ein Personalrestaurant und Büros untergebracht waren, zog nun ein Hotel der Sorell-Gruppe ein.

Mehr Zürich geht nicht! Gegen zehn Uhr am Abend steige ich am Paradeplatz aus dem Tram, vor mir erheben sich die grossen Bankhäuser, einige Menschen hasten noch über den Platz. Aber irgendwie ist es auch schon ruhig geworden – hier, wo sonst das Epizentrum der Eile liegt. In der Theorie weiss ich genau, wo die Strasse «In Gassen» abzweigt. Nur: Sie wirklich zu finden ist noch etwas anderes. Aber dann: Zwei Minuten in Richtung Limmat gelaufen, einmal links gedreht – und dann sehe ich die Waschbetonfassade des Hotels St. Peter. An dieser Stelle hatte man in den 1970er-Jahren brachial in das bauliche Puzzle der Altstadt eingegriffen. Das historische «Haus in Gassen» wurde abgerissen und ein Betonklotz an seine Stelle gesetzt. Fortan waren hier eine Grossküche, ein Personalrestaurant und Büros untergebracht. Noch immer kündet die roséfarbene Waschbetonfassade von der Zeit, da man wenig aufs bauliche Erbe hielt und einfach brachial Beton hinsetzte, wo man glaubte, ihn zu brauchen.

Das Personalrestaurant ist Geschichte, die 1970er-Jahre-Fassade verbirgt seit kurzer Zeit das Hotel St. Peter, betrieben von der Sorell-Gruppe. Hinter dieser wiederum steht der Zürcher Frauenverein ZFV, der schon Ende des 19. Jahrhunderts in Zürich Gasthäuser eröffnete – und bald auch Hotelbetriebe. Mittlerweile betreibt der ZFV 16 Hotels in der gesamten Deutschschweiz, dazu eine Vielzahl Gastronomiebetriebe.

Aber zurück in Zürichs Altstadt: Tritt man durch die Glastür, glaubt man sich direkt in einer anderen Welt. Üppige Pflanzen säumen den Weg zum Rezeptionstresen. Hier findet sich auch die Waschbetonfassade wieder – der Tresen nimmt das Material auf und holt so das Aussen des Hotels sanft nach innen. Auch im Lift und im Gang zeigen sich überall Blättermotive – augenscheinlich soll das Hotel an einen Garten erinnern. Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, fordert die etwas beschwerliche Anreise ihren Tribut: Ich beschliesse, mich zum Tagesschluss intensiv mit der luxuriösen freistehenden Badewanne zu beschäftigen – so kann Recherche sehr entspannend sein. In der Wanne liegend kann ich es allerdings nicht lassen und sinniere über die Fliesen: Quadratische Plättli, diagonal verlegt. Über den gesamten Raum und sagenhafte acht Kanten – Dusche und WC-Nische inklusive – scheint es zu funktionieren, dass es keinen Unterbruch im Muster gibt. Alles passt zusammen. Wie lange hat das Team von Andrin Schweizer Company, das den Umbau verantwortet hat, daran wohl gerechnet und getüftelt? Und wie findet man einen Plattlenleger, der das am Ende auch exakt so auszuführt? Im Bett angekommen fällt mir vom Fernseher nur noch eines auf: Das Gerät hängt in einer gepolsterten, bestickten Nische zwischen zwei Leuchten. Mehr ein Fenster zur Welt, kein Kasten vor einer weissen Wand. Weitere Aufmerksamkeit bekommt das Gerät aber an diesem Abend nicht mehr.

Am nächsten Morgen wecken mich die Glocken von St. Peter. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt: Mein Zimmer geht direkt auf den Kirchturm und den kleinen ruhigen Hof vor der Kirche, in den sich nur selten jemand verirrt und der daran erinnert, dass Zürich manchmal sogar französisches Flair ausstrahlen kann. Bis auf die verschiedenen Töne aus Zürichs veritablem Glockenorchester ist es hier komplett ruhig – und das mitten in der Innenstadt. Das Zimmer selbst lädt fast schon zum Drinbleiben ein – eine kleine, aber vollwertige Küche und ein extra Sofa machen daraus ein Zuhause auf Zeit. Im Schrank liegt sogar eine Yogamatte parat – man könnte also… Aber da finden sich auch Regenschirm und Rucksack, um bei jedem Wetter die Stadt zu erkunden – und schliesslich hat sich seit dem letzten Besuch sicher viel getan in Zürich!

Und ich weiss auch, dass in der Lobby das Frühstück lockt. Also, aufstehen und parat machen! Der riesig grosse runde Spiegel im Badezimmer vermittelt mir irgendwann recht glaubwürdig: So kann es losgehen in die Stadt! Dieses Mal nehme ich nicht den Aufzug, sondern das Treppenhaus. Diese Räume gehören ja öfter mal zu den vernachlässigten Orten, in die kein Architekt viel Mühe steckt. Nicht so im St. Peter! Hier macht es richtig Freude, über die Treppen zu gehen. Gestrichen in zarten Farben und mit Handläufen in Eiche komplettiert, entschleunigt der Abstieg durch das Treppenhaus – und fühlt sich irgendwie auch besser an, als die Fahrt in einer engen Kabine.

In der Lobby, die Empfangsraum, Bar, Frühstücksraum und Bistro gleichzeitig ist, dominieren dieselben Farben wie in den Zimmern: Ein sattes Aubergine, ein tiefes Grün, dazu verschiedene Rosé- und Apricot-Töne. Das harmoniert mit den Firmenfarben der Sorrell-Gruppe, ohne sie direkt zu kopieren. Und es passt irgendwie auch zu dieser roséfarbenenen Waschbetonfassade, die im Innenhof sichtbar ist. Der jedenfalls lockt zumindest im Sommer, das Frühstück unter freiem Himmel zu geniessen. Der Hof des St. Peter ist ein nahezu einzigartiger Ort für ein Hotel in Zürichs Innenstadt und steht auch für Nicht-Hotelgäste zur Verfügung, zum Beispiel für ein Bistro-Zmittag oder einen Apéro. Der Hotel-Manager Matthias Ramer, erklärt mir dass der grüne Innenhof von Architekt Andrin Schweizer quasi zum Leitmotiv für die Hotelgestaltung wurde. Ich verstehe – daher also die vielen echten Pflanzen und die Pflanzenmotive in der Lobby, in den Fluren und Zimmern. Das Hotel versteht sich als eine Art Garten in der Stadt. Kombiniert haben die Architekten das Dschungel-Feeling noch mit einer Formensprache, die aus den 1980er-Jahren stammt – weil es spannende Kontraste schafft und gut ins Gesamtkonzept passte. Aus der Popkultur der 80er entstand die Idee, die Fliesen in den Bädern diagonal zu verlegen, Verglasungen mit diagonalen Karos zu bedrucken und die Lehnen der Sitznischen in den Zimmern mit diagonalen Mustern zu besticken. Was beeindruckt, denn das alles könnte ganz leicht auch ein wirres Durcheinander geben. Tut es aber nicht, sondern harmoniert schlussendlich auf spannende Weise und es entsteht ein stimmiges Ganzes, das nie langweilig wird.

Nach dem Frühstück entscheide ich mich für einen kurzen Bummel durch die Innenstadt und geniesse mittags ein lang vermisstes Sandwich aus einer nahen Bäckerei. Am Nachmittag schliesslich leihe ich mir eines der hoteleigenen Velos und fahre ein bisschen weiter aus der Innenstadt hinaus. Wie schön, nicht im Tram eingequetscht zu sein, sondern die laue Luft an der Limmat auf dem Velo zu spüren, später im Vorbeifahren an vollbesetzten Terrassen Menschen kurz ins Apéroglas zu schauen. Und zu wissen, dass man heute auf gar keinen Fall einen Parkplatz suchen muss oder am Abend ewig aufs nächste Tram wird warten müssen. Zürich gewinnt damit extrem an Leichtigkeit – und das Hotel ermöglicht mit dem kostenlosen Veloverleih unkompliziert davon zu kosten.

Am nächsten Morgen nehme ich mir etwas mehr Zeit fürs Frühstück – oder genauer gesagt, um zwischen zwei Gipfeli ein bisschen in den Bücherregalen zu stöbern. Tatsächlich stehen hier nicht nur leere Attrappen, sondern dutzende Bände über Natur, Gärten und das Draussensein. Man könnte (und kann) stundenlang hier sitzen und schmökern. Das üppige Frühstück – zu dem auch ein Cüpli Prosecco gereicht wird – tut ein Übriges dazu, dass man es morgens gut eine Weile hier aushalten kann. Es fällt also nicht schwer, bis zum Ende des Büffets um 12 Uhr hier sitzen zu bleiben und dabei nicht nur in Bücher, sondern immer wieder aus dem Fenster zu schauen, vor dem ab spätestens neun Uhr morgens das geschäftige Züri in Anzug und Krawatte vorbeihastet. Innen beeindruckt das Hotel dagegen mit einer jungen und entspannten Atmosphäre, ist genauso entspannte Business-Unterkunft wie Stadthotel. Die Gestaltung würdigte Hotellerie Suisse direkt nach der Eröffnung mit der Auszeichnung des St. Peter als Design Hotel.

Das neue Boutique-Hotel lebt als Bau und als Konzept gleichermassen von den Kontrasten, denen es sich stellt. Ganz wie das Gebäude selbst mit seiner Waschbetonfassade im Kontrast zur baulichen Tradition der Zürcher Altstadt steht, so wirkt die Atmosphäre drinnen fast ein wenig entwurzelt – ist man noch in Zürich oder schon in Barcelona? Oder in Budapest? Aber genau das macht das St. Peter zu einer ganz besonderen Oase inmitten von Zürich und vermittelt das Gefühl: Alles ist hier genau so, wie es sein muss.

SORELL HOTELS SWITZERLAND

Kombiniert haben die Architekten das Dschungel-Feeling noch mit einer Formensprache aus den 1980er-Jahren.
Kombiniert haben die Architekten das Dschungel-Feeling noch mit einer Formensprache aus den 1980er-Jahren.
Daher stammt auch die Idee, die Fliesen in den Bädern diagonal zu verlegen, Verglasungen mit diagonalen Karos zu bedrucken und die Lehnen der Sitznischen in den Zimmern mit diagonalen Mustern zu besticken.
Daher stammt auch die Idee, die Fliesen in den Bädern diagonal zu verlegen, Verglasungen mit diagonalen Karos zu bedrucken und die Lehnen der Sitznischen in den Zimmern mit diagonalen Mustern zu besticken.

Text: Helen Schindler
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 06•07/22

Artikel teilen
Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen