Messing hat eine besondere Farbe, die sich mit der Zeit verändert: Hier geht es nicht um einen definitiven Farbton, sondern um einen Prozess.
Im Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich findet das Material Messing grossflächige Anwendung und somit auch seine goldwarmen bis dunkelbraunen Farbspiele. Das Gebäude, das nach seinem Architekten Chipperfield-Bau benannt ist, erstaunte die Fachpresse schon 2020. Nebst der Diskussion um die Dimensionen oder den sachlichen, an Schweizer Präzision erinnernden Stil, fiel die goldene Eingangstür und Teile des Innenausbaus auf. Es handelte sich dabei nicht um prätentiöse Vergoldungen, sondern um noch unversehrtes Messing. Dies bedeutet, dass die Oberflächen durch Kontakt mit der Haut zu Reaktionen neigen – das Material wird mit jeder Berührung, ob absichtlich oder unabsichtlich, fleckiger, die strahlend-goldene Farbe dunkler. Messing altert. Kann das auf ganzen Wänden gewollt sein?
Diese erste Frage ist wohl schnell mit Ja beantwortet. Das renommierte Londoner Architekturbüro hätte diese entscheidende Setzung nicht unbewusst gewählt und schafft so einen lebendigen Kontrapunkt zur formal kontrollierten Architektur. Leben ist also gewollt in diesem Haus. Ich begegne alterndem Messing auf der Treppe, in der Signaletik, in und um die Aufzüge oder an den enormen Türstöcken und -blättern. Seit nun fünf Jahren verändert sich die Erscheinung des Kunsthauses langsam, aber stetig – die Patina ist hier ein Gestaltungselement.
Farbe ist hier Zeitzeugin. Wie Raum und Zeit zusammenhängen, ist eines der grossen Menschheitsrätsel. Ich finde im Moment schon einmal die Vorstellung wunderbar, dass die Zeit sozusagen eine alternde Messingfarbe hat. Und dass man heute Materialien ihr Alter und ihren Einsatz auch ansehen darf. Dieses Mindset kristallisiert sich in der Gestaltung gerade heraus und verdient es, nicht nur ein vergänglicher Designtrend zu sein, sondern zu einem Zeitgeist zu werden. Die Wegwerfgesellschaft sollte Platz machen für ein Denken des Wiedereinsatzes von Materialien und Bauteilen. In Idealform gibt es keinen Abfall mehr, sondern alles bleibt im Kreislauf. Zirkularität bedeutet immer Weiterverwenden, und das setzt die Akzeptanz von Gebrauchsspuren voraus.
Im Kunsthaus selbst entstehen aus Sicht der Nutzenden spannende Dialoge: Will das Material berührt werden oder will ich es berühren? Darf ich das überhaupt? Die ersten Spuren werden vielleicht als Fauxpas oder Unglück gewertet worden sein. Doch mehr und mehr stellt sich heraus, dass die Patina als Materialeigenschaft eine Aussage ist. Sie ist der Beweis der Kommunikation zwischen Mensch und Raum. Affordanz ist das Prinzip, nach dem Dinge und Räume uns offenbaren, was wir mit ihnen tun können. Der Knopf am Aufzug signalisiert mir, dass ich ihn doch drücken sollte. Die dunkle Verfärbung um den Knopf erzählt davon, dass schon viele Menschen vor mir nicht nur den Knopf getroffen haben.
Ich entziffere Buchstaben und finde sogar ein «Hoi!». Hier wird nicht nur mit Material interagiert, sondern auch mit mir. Ich sehe den Handabdruck, den jemand hier hinterlassen hat und der schon viele weitere Menschen vor mir dazu gebracht hat, wiederum die Hand in den gleichen Abdruck zu legen. Das erinnert mich an Bilder steinzeitlicher Höhlen, an die Anfänge der Kunst überhaupt, als Menschen mit Ockerfarben ihre Handzeichen hinterliessen. Es erinnert mich auch an die Gravur eines Wikingers in der Hagia Sophia in Istanbul, der damals grössten Kirche des Christentums. Auf einer Marmorbrüstung wurde vor circa einem Jahrtausend in Runenschrift eingraviert: «Halvdan war hier». Es scheint etwas Menschliches zu sein, die eigene Identität in einen Raum einschreiben zu wollen.
Die Farbe von Messing darf als Sinnbild für diese Offenheit gegenüber mitlebenden Materialien betrachtet werden. Und auch für das, was Leben in meinen Augen ausmacht: Kommunikation, Bedeutung und Identität. Lebendige Wesen empfangen und senden, deuten und gewichten und stehen als Selbst in Beziehung zur Welt. Das alles funktioniert nur, wenn es Zeit gibt, in der sich der Prozess vollzieht, und Räume, in denen man Spuren hinterlassen und ablesen kann. Kurz: Es braucht das Altern.
Die Farbe von Messing zeigt uns, dass oftmals nicht das Unversehrte oder Definitive interessant ist, sondern das spannende Leben im Prozess, im Dazwischen, im Altern. Für Material und Mensch.
Autorin Barbara Mutzbauer erkundet in dieser Kolumne die Macht der Farben im Raum. Sie ist Szenografin, Innenarchitektin und Dozentin und beschäftigt sich mit der Frage, was wir aus Räumen lesen können. Denn Räume haben uns viel zu sagen: Sie erzählen von der Identität ihrer Bewohnenden und Nutzenden und vermitteln Gefühle – oftmals unbewusst. Farben spielen dabei eine zentrale Rolle; sie lassen sich sogar als ein Kommunikationssystem verstehen. Barbara Mutzbauer besucht ausgewählte Orte und reflektiert, welche Wirkung Farben jeweils entfalten und was dies über die Beziehung zwischen Mensch und Raum aussagt.
Mehr Inspirationen über Architektur, Wohnen und Design gibt es in der Ausgabe 03•04/26 vom Magazin RAUM UND WOHNEN.
Text: Barbara Mutzbauer Fotos: Ivan Engler
aus dem Magazin: Raum und Wohnen, Zeitschrift Nr. 03•04/26