Die Macht der Farben

Leuchtendes Rot

Rot: Farbe der Gefahr, der Sexualität oder der Eleganz? Vom Blut bis zum Warnschild, von roten ­Lippen bis zur Liebe und von Rubinrot bis zum Theatervorhang: Rot trägt viele Bedeutungen in sich. Doch welche Wirkung entfaltet ein in Rot getauchter Raum eigentlich auf uns, wenn wir die naheliegenden Assoziationen einmal beiseitelassen?

Leuchtendes Rot im Wellbeing Club KEEN.
Leuchtendes Rot im Wellbeing Club KEEN.

Historisch wurde intensives Rot oft sowohl mit Positivem als auch mit Negativem verbunden. Rothaarige galten als kraftvoll, wild und frei, standen aber auch unter Verdacht, dem Teufel nahezustehen. Solche Zuschreibungen sind zugegeben recht eindimensional. Gleichzeitig malen wir rote Herzen, wenn wir verliebt sind, und markieren Verbotenes mit Rot. Wir haben gelernt, am Rotlicht stehen zu bleiben, und wissen, was ein Rotlichtmilieu ist. Rot steht für das Auffällige, das Aussergewöhnliche. Dass Rot eine Signalfarbe ist, zeigt sich auch in der Natur. Mich interessiert deshalb nicht nur die kulturelle Prägung, sondern auch die biologische und psychologische Wirkung dieser Farbe. 

Ganz in Rot gehaltene Räume sind selten. Meine Freundin Katharina und ich erleben dennoch regelmässig einen – in der Sauna. Im Wellbeing Club KEEN in den Zürcher Viaduktbögen ist die Sauna farblich steuerbar und leuchtet oft in kräftigem Rot. Der erste Effekt liegt auf der Hand: Es ist heiss. Naheliegend wäre die Annahme, dass warme Farbtöne einen Raum auch wärmer wirken lassen. Ob sie jedoch tatsächlich die körperliche Temperaturwahrnehmung beeinflussen, ist empirisch nicht eindeutig belegt. Ob eine Sauna also allein deshalb heisser wahrgenommen wird, weil sie rot beleuchtet ist, darf bezweifelt werden. Katharina und ich schwitzen im KEEN schliesslich auch dann, wenn die Sauna blau erstrahlt. Im Rotmodus gefällt sie uns allerdings besonders gut. Woran könnte das liegen? 

Der Wellbeing Club ist als Community Space konzipiert. Man besucht dort Breathwork-Sessions, geht eisbaden oder trifft sich mit Freunden. Ich habe dort schon inspi­rierte Gespräche in Badekleidung geführt, zwischen 90 und 4 Grad Celsius. Vielleicht ist rotes Licht – ähnlich wie in Tanzclubs – der sozialen Interaktion zuträglich. Dass es in jedem Fall dem Erscheinungsbild schmeichelt, bestätigt uns Ivan Engler, mit dem ich diese Fotoserie realisiere. Als Regisseur und Fotograf weiss er, in welchem Licht Menschen gut abgebildet werden können. «Rot schmeichelt der Haut, lässt Makel verschwinden und Menschen jünger ­wirken», sagt er. Da fühlt man sich sofort wohler. Dieses Wohlgefühl beeinflusst wiederum unser Verhalten und damit auch die Atmosphäre im Raum. Denn Raumatmosphären entstehen in der Wechselwirkung zwischen Raum und Mensch. Wenn wir uns wohlfühlen, überträgt sich das auf die Stimmung des gesamten Raums. 

Dass meine Gespräche dort so inspiriert wirken, könnte auch damit zusammenhängen, dass Rot das Nervensystem aktiviert. Die energetisierende Wirkung von Rot ist wissenschaftlich gut belegt. In der Emotions- und Wahrnehmungsforschung spricht man dabei vom Arousal Level, ­also vom Aktivierungsniveau des Organismus. Ob diese Erregung als angenehm oder unangenehm erlebt wird, ist bei Rot allerdings stark kontextabhängig. Es macht einen grossen Unterschied, ob eine Situation mit negativen Konsequenzen verknüpft ist oder ob sie auf etwas Erwünschtes, Lohnendes oder Erstrebenswertes verweist. Wenn mich also nach einem kalten Eisbad die heisse Sauna erwartet, ist das zweifellos etwas sehr Erstrebenswertes. Vielleicht werden Gespräche in der roten Sauna gerade dann inspirierter, kreativer, unterhaltsamer. 

Gleichzeitig ist es nicht ratsam, das Nervensystem ständig zu aktivieren. Es muss auch wieder zur Ruhe kommen. Die Balance zwischen Aktivierung und Entspannung ist entscheidend. Vielleicht liegt genau darin der Grund, weshalb ganz in Rot gehaltene Räume so selten sind: Auf Dauer würden sie uns womöglich zu stark unter Spannung setzen. Steuerbares LED-Licht ist hier – zumindest für eine Sauna – eine gute Lösung. 

Bei der Wirkung von Farben im Raum spielen, wie Rot so eindrücklich zeigt, biologische und kulturelle Faktoren ­eine wichtige Rolle. Ein dritter, ebenso entscheidender Faktor kommt jedoch hinzu: der biografische. Ob uns unsere Sauna in Rot gefällt, hängt auch davon ab, welche Erfahrungen wir persönlich mit einer solchen Umgebung ­gemacht haben. Individuelle Erlebnisse prägen uns und werden zu unseren eigenen Wahrheiten. Gestaltende sollten diesen Umstand beim Raumdesign nicht vergessen. Gute Gestaltung bedeutet, auf die Persönlichkeit der Menschen einzugehen, für die gestaltet wird – ob für sich selbst oder für andere. Im Zweifelsfall hilft deshalb vor allem ­eines: fragen. Und? Liebe Lesende, wie wirkt dieser rote Raum auf Sie?

Leuchtendes Rot im Wellbeing Club KEEN. Foto: Ivan Engler
Leuchtendes Rot im Wellbeing Club KEEN. Foto: Ivan Engler

Autorin Barbara Mutzbauer erkundet in dieser Kolumne die Macht der Farben im Raum. Sie ist Szenografin, Innenarchitektin und Dozentin und beschäftigt sich mit der Frage, was wir aus Räumen lesen können. Denn Räume haben uns viel zu sagen: Sie erzählen von der Identität ihrer Bewohnenden und Nutzenden und vermitteln Gefühle – oftmals unbewusst. Farben spielen dabei eine zentrale Rolle; sie lassen sich sogar als ein Kommunikationssystem verstehen. Barbara Mutzbauer besucht ausgewählte Orte und reflektiert, welche Wirkung Farben jeweils entfalten und was dies über die Beziehung zwischen Mensch und Raum aussagt.

BARBARA MUTZBAUER CREATIVE

Mehr Inspirationen über Architektur, Wohnen und Design gibt es im Magazin RAUM UND WOHNEN.

Text: Barbara Mutzbauer Fotos: Ivan Engler
aus dem Magazin: Raum und Wohnen, Zeitschrift Nr. 05•06/26

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