Die Macht der Farben

Grün: Farbe des Lebens

Der Blick ins Grüne ist für die meisten ein Plus bei der Wohnsituation. Das klingt logisch und ist in Studien belegt. Naturbezug ist ein ausschlaggebender Faktor für Immobilien. Grün tut gut, beruhigt und entspannt – so wollen viele Menschen leben. Aber warum ist das eigentlich so logisch?

Barbara Mutzbauer erkundet die Macht der Farbe Grün.
Barbara Mutzbauer erkundet die Macht der Farbe Grün.

Ivan Engler und ich waren dem Grün an einem zauberhaften Ort auf der Spur. Ich schätze mich glücklich, im Knonauer Amt mit Blick ins Grüne leben zu dürfen. Mittendrin liegt der Park Seleger Moor. Ein Moorgebiet, dessen feuchter Boden besondere Lebensbedingungen für Pflanzen bietet. Wir sind heute nicht wegen der Rhododendren im Park, die hier seit 80 Jahren kultiviert werden, sondern wegen des Schattengartens. Ich entdeckte dort ein Fleckchen Erde, das vor frischem Grün nur so erstrahlt. Das Meer aus Farnen wirkt wie ein Traum, fast wie ein Bühnenbild mit grün leuchtenden Strahlern. Doch der Hain ist real; im morgendlichen Gegenlicht, wenn die Farnwedel von der tiefstehenden Sonne erleuchtet werden, wirkt er nahezu surreal.

Nicht nur ich fühle mich von solch lebensfrohem Grün angezogen. Der Blick ins Grüne ist gesundheitsfördernd: PatientInnen nach Operationen genesen mit Blick auf Bäume schneller als mit Blick auf Steinmauern. Die Farbpsychologie attestiert Grün eine unbewusste Wirkung von Sicherheit. Farben sind biologisch gesehen ein Kommunikationssystem: Sie geben Hinweise auf die Umwelt, in der wir leben und Nahrung finden. Dichtes Grün zeugt von Wachstum und guten Lebensbedingungen. Tief in uns ist verankert, dass eine grüne Umgebung ernähren kann. Hier finden Pflanzenfresser Nahrung, Fleischfresser potenzielle Beute. Diese Verheissung beruhigt das Nervensystem und lässt uns sicherer fühlen. Im Vergleich zur Wüste lebt es sich im Grünen also wirklich gut. Wir dürfen den Pflanzen dankbar sein. 

Ich streife durch die Straussenfarne, die ihre Wedel im Frühjahr noch nicht ganz ausgerollt haben. Sie recken sich der Sonne entgegen und gedeihen im Schatten. Sie sind meisterlich darin, Sonnenlicht durch Photosynthese effizient zu nutzen. So entsteht auch der Farbton: Das Chlorophyll in den Blättern wirkt als Pigment. Der Farn ist nicht «von sich aus» grün wie eine Leuchte, die grünes Licht aussendet. Er erscheint uns grün, weil seine Blätter aus dem weissen Sonnenlicht vor allem rote und blaue Anteile aufnehmen. Das übrige Licht, besonders Grün, wird zurückgeworfen und trifft auf unsere Augen. So funktioniert Farbe generell: Wir sehen nicht das Licht, das ein Körper schluckt, sondern das, was er uns zurückgibt. Ich finde es irgendwie schön, dass mir der Farn im Moor das grüne Licht zurückgibt. 

Vorgänger der heutigen Farnarten tun dies seit rund 400 Millionen Jahren. Sie sind viel älter als die Dinosaurier und überstanden Katastrophen, die andere Arten auslöschten. Die Überlebenskünstler begrünten unseren Planeten schon in Urzeiten; im Karbon erreichten farnartige Pflanzen sogar bis zu 20 m Höhe. Die damals gespeicherte Sonnenenergie nutzen wir heute in Form von fossilen Brennstoffen. Das Grün im Seleger Moor steckt voller Lebenskraft; beim «Farnbaden» fühle ich mich demnach auch ziemlich lebenslustig. 

Auch damit bin ich nicht allein. An Farnen erfreuen sich Menschen seit Langem. In der viktorianischen Zeit brach in Grossbritannien ein regelrechtes Farnfieber aus. Die Leidenschaft konnte sogar zur Manie werden – zur sogenannten Pteridomanie – und zog sich durch alle Gesellschaftsschichten. Farne waren ästhetisch in Mode, sie wurden gesammelt, studiert und diskutiert. Gartenbücher und -zeitschriften besprachen den Trend. Wer sich kultiviert einrichten wollte, dekorierte das Heim mit grünen Farnmotiven. Gutbetuchte Engländer legten sich eigene Farnhäuser zu: grosse Glashäuser, als tropische Traumlandschaften inszeniert. 

Das ist für zeitgemässe Wohnimmobilien nicht mehr angesagt. Der Blick ins Grüne und der Zugang zu Natur im Wohnumfeld aber schon – nicht nur für Menschen aus dem Knonauer Amt. Eine aktuelle Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts zeigt, dass Naturräume die Akzeptanz von Verdichtungsmassnahmen erhöhen können. Grünere Städte haben viele Vorteile und werden wieder zu Lebensräumen, in denen wir uns natürlich wohlfühlen. Denn bei aller Technologie bleiben wir biologische Lebewesen mit Bedürfnissen. Auch Zimmerpflanzen können das Wohnambiente verbessern. Schon das Umtopfen einer Pflanze kann entspannend wirken. Ich glaube, das hat mit der Liebe zum Leben und zu anderen Wesen zu tun. Wenn wir gut für Pflanzen sorgen, tun sie Ähnliches für uns und schenken uns frisches Blattgrün. Ich habe jetzt auch einen Farn im Wohnzimmer. Ziemlich positiv, die Farbe des Lebens.

Autorin Barbara Mutzbauer erkundet in dieser Kolumne die Macht der Farben im Raum. Sie ist Szenografin, Innenarchitektin und Dozentin und beschäftigt sich mit der Frage, was wir aus Räumen lesen können. Denn Räume haben uns viel zu sagen: Sie erzählen von der Identität ihrer Bewohnenden und Nutzenden und vermitteln Gefühle – oftmals unbewusst. Farben spielen dabei eine zentrale Rolle; sie lassen sich sogar als ein Kommunikationssystem verstehen. Barbara Mutzbauer besucht ausgewählte Orte und reflektiert, welche Wirkung Farben jeweils entfalten und was dies über die Beziehung zwischen Mensch und Raum aussagt.

BARBARA MUTZBAUER CREATIVE

Mehr Inspirationen über Architektur, Wohnen und Design gibt es im Magazin RAUM UND WOHNEN.

Text: Barbara Mutzbauer Fotos: Ivan Engler
aus dem Magazin: Raum und Wohnen, Zeitschrift Nr. 06•07/26

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