Die Macht der Farben

Sonnengelb: Optimistisch & motiviert

Die Sonne ist Patin für eine Farbe voller Energie und positiver Frische. Gelbe Farbtöne kennen wir von blühenden Pflanzen wie dem Löwenzahn oder der nach dem Vorbild am Himmel benannten Sonnenblume. Sie erfreuen uns und geben uns fast automatisch ein Gefühl von Sommer, vor allem, wenn der Gelbton eher mit dem warmen Spektrum des Lichts liebäugelt und nicht ins zu Kalte oder Aggressive kippt.

Das Obergeschoss im E-Science Lab der ETH Zürich strahlt in Gelb.
Das Obergeschoss im E-Science Lab der ETH Zürich strahlt in Gelb.
Das Obergeschoss im E-Science Lab der ETH Zürich.

Innenräume in Sonnengelb sind wahre Hingucker; es gibt sie nicht oft. Wenn ich mir aber als Dozierende ein Hochschulgebäude mit Persönlichkeit wünschen dürfte, würde ich es mir als motivierende und optimistische Umgebung vorstellen. Axel Buether, einer der weltweit führenden Farbexperten, ordnet in seinen Studien mit ProbandInnen Farbprofile menschlichen Persönlichkeitsdimensionen und bestimmten Eigenschaften zu. Strahlende Gelbtöne wie Kanariengelb, Sommergelb oder Zitronensaftgelb tauchen hier in Zuordnungen mit Eigenschaften wie begeisterungsfähig, energetisch und zuversichtlich auf. Der genaue Farbton – nebst dem Kontext des Einsatzes – spielt dabei eine grosse Rolle; Gelb kann auch zu unnatürlich und zu leuchtend wirken. Ein mit Schwefelgelb bezeichneter Farbton etwa wird in Buethers Forschung in das Farbprofil launisch einsortiert. Mein Wunschhochschulgebäude sollte in seinen Innenräumen, in denen ich optimal arbeiten und studieren möchte, Optimismus und Motivation ausstrahlen, sodass auch ich von diesen Eigenschaften angesteckt werde. Denn wir resonieren mit unserer Umgebung und sie nimmt Einfluss auf unsere Stimmungslagen, auf Dauer vielleicht sogar auf unser Selbstbild. Kurz, ­meine Wunschuni müsste wie die Sonne in warmem und hellem Gelb erstrahlen. 

Das E-Science Lab der ETH Zürich auf dem Hönggerberg von Baumschlager Eberle Architekten kommt dem schon sehr nahe – zumindest in den lichtdurchfluteten oberen Geschossen, wo sich Wände und Decken in Gradienten der warmen Gelbnuancen bewegen. In den Galerien um das Tageslichtatrium befinden sich verschiedene Forschungsgruppen aus Informatik, Physik, Biologie, Architektur und Ingenieurwissenschaften. Sie alle könnten von der optimistischen und motivierenden Atmosphäre profitieren. Ich besuche das Gebäude an einem sonnigen Sommertag, das durch die Oberlichter einfallende Licht macht den Effekt noch spürbarer. Die Forschungen von Axel Buether und auch meine subjektiven Beobachtungen mögen wohl nicht überraschen, denn Motivation und Optimismus mit dem lebensspendenden Sonnenlicht in Verbindung zu bringen, liegt geradezu auf der Hand. Da stellt sich mir jedoch sogleich die Frage: Warum sind dann nicht mehr Räume gelb? Warum wagen sich Architektur- und Innenarchitekturschaffende nicht öfter an gelbe Räume? 

Die Antwort mag wohl darin liegen, dass starke Farbsetzungen auch etwas Extrovertiertes haben. Herausstechen kann ein Risiko sein. Es entstehen Bedenken, nicht zu gefallen oder nicht in allen Situationen adäquat zu wirken. Das ist nur allzu menschlich. Und unsere Gebäude sind in dem Sinne wohl auch nur Menschen? Ich persönlich finde dieses vermeintliche Sicherheitsdenken jedoch zumindest problematisch, oftmals sogar aus fachlicher Sicht nicht korrekt. Mir begegneten im professionellen Kontext der Innenarchitektur schon öfter Aussagen wie: «Lasst es uns farblich dezent halten, dann sind wir auf der sicheren Seite.» Innenräume werden allerdings für Menschen geschaffen und daher sollte die Befindlichkeit der späteren Nutzenden im Vordergrund stehen. Wenn dezentere Töne dann von Vorteil sind, so sollten sie unbedingt zum Einsatz kommen, aber nicht, weil sie in der Planungsphase mehr Sicherheit geben beziehungsweise weniger Angriffsfläche bieten. Oftmals lohnt sich die Prüfung von grossen Oberflächen- und Materialanteilen in aussergewöhnlich expressiven Farben, wie es das Unigebäude auf dem Hönggerberg klar zeigt. 

«Mehr Mut und dann kommt’s gut» ist jedoch auf keinen Fall die Devise, die ich hier vertrete. Ich sage also nicht, dass Innenraumgestaltung fortan mutig und fröhlich zu ­einer extremen Farbpalette greifen sollte oder dass Expressionismus immer die bessere Wahl ist. Mein Anliegen ist, für eine differenzierte und empathische Gestaltungspraxis zu plädieren, die sich in Endnutzende hineinversetzt. Das erleichtert zugegebenermassen kurzfristig nicht das Leben von Gestaltenden, denn es kann mühsam sein, herauszufinden, um wen es genau geht und was diese Personen brauchen werden. Hier sind nebst Kenntnissen über Farbwirkung und Psychologie viele Gespräche nötig zwischen DesignerInnen und KundInnen. Es kann auch ungewohnt sein für Auftraggebende, dass sie ihre Bedürfnisse und Befindlichkeiten so genau formulieren. Es lohnt sich jedoch. Vor allem der private Wohnraum sollte den Bewohnenden eine optimale Lebenswelt bieten, in allen Dimensionen, auch in der farblichen. Mit Optimismus und Motivation wird der Planungsprozess wohl zielführender verlaufen – vielleicht sollten zu diesem Zweck auch mehr Meetingräume und Ateliers gelb gestrichen werden.

Das Obergeschoss im E-Science Lab der ETH Zürich.
Obergeschoss im E-Science Lab der ETH Zürich.

Autorin Barbara Mutzbauer erkundet in dieser Kolumne die Macht der Farben im Raum. Sie ist Szenografin, Innenarchitektin und Dozentin und beschäftigt sich mit der Frage, was wir aus Räumen lesen können. Denn Räume haben uns viel zu sagen: Sie erzählen von der Identität ihrer Bewohnenden und Nutzenden und vermitteln Gefühle – oftmals unbewusst. Farben spielen dabei eine zentrale Rolle; sie lassen sich sogar als ein Kommunikationssystem verstehen. Barbara Mutzbauer besucht ausgewählte Orte und reflektiert, welche Wirkung Farben jeweils entfalten und was dies über die Beziehung zwischen Mensch und Raum aussagt.

BARBARA MUTZBAUER CREATIVE

Mehr Inspirationen über Architektur, Wohnen und Design gibt es im Magazin RAUM UND WOHNEN.

Text: Barbara Mutzbauer Fotos: Ivan Engler
aus dem Magazin: Raum und Wohnen, Zeitschrift Nr. 08•09/26

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