Ultramarin: gleichzeitig dunkel und leuchtend, ein Farbton mit starker Sättigung. Es fesselt die Menschheit schon lange und wird gerne mit Spiritualität und dem Kostbaren verbunden. So wurde die Muttergottes in Gemälden oftmals in Blau gehüllt. Das Pigment für Ultramarin war im Mittelalter wertvoller als Gold. Der Künstler Yves Klein liess seine Ultramarin-Rezeptur sogar mit «International Klein Blue» registrieren. Doch auch abseits von Kunst und Kirche entfaltet ein solches «Deep Blue» etwas Anregendes – etwas stark Inspirierendes. Ich würde fast sagen, die Farbe regt die Fantasie an. Die blaue Bibliothek im On Tower an der Pfingstweidstrasse in Zürich bestätigt diese These.
Der Raum ist als kreativer Rückzugsort für die Mitarbeitenden von On konzipiert worden, wie ich bei meinem Besuch erfahre. Er wird auch für vertrauliche Gespräche genutzt. Roger Federer, der Investor und unternehmerischer Partner bei On ist, gab an diesem Ort seinen Rücktritt als Tennisprofi bekannt. Alles andere also als ein unbedeutender Raum für On. Die blaue Bibliothek ist die Vision von On-Gründer und Co-CEO David Allemann. Er hat sie mit viel Liebe zum Detail mit seinem Designteam und in Zusammenarbeit mit den Architekturbüros Spielmann Echsle, Zürich und Specific Generic, Stockholm entworfen.
Als ich es mir auf dem blauen Sofa gemütlich mache und die Bücherregale und Bilder im Raum betrachte, fällt mir ein kleines schwarzes Böxlein auf. Ein Beweis, dass es hier nicht lediglich um eine Trendfarbe geht. Das Böxlein ist gefüllt mit Lapislazuli-Steinen. Was für ein wunderbarer Hinweis auf die Bedeutung des Ultramarinblaus in der Kulturgeschichte. Denn Blau als farbiges Objekt, jenseits von Himmel und Wasser, wurde erstmals vor etwa 7000 Jahren in Form einer Gesteinsart aus dem Hindukush gefunden: Lapislazuli. Das Wort bedeutet «blauer Stein» und wurde zu wertvollem Schmuck verarbeitet. Auch die ägyptischen Pharaonen zierten ihre Kostbarkeiten mit Lapislazuli. Die frühzeitlichen Kulturen waren von Blau so begeistert, dass sie Wege fanden, Blautöne als Pigmente künstlich herzustellen und somit vielseitig einsetzen zu können.
Die Faszination der alten Ägypter für das ursprünglich intensive Ultramarinblau kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich behaupte eigentlich gerne, dass ich keine Lieblingsfarbe für Räume habe. Denn alle Farben entfalten Wirkungen und diese sind immer in Kombination mit vielen anderen Faktoren subjektiv. Die Farbwahl eines Raumes muss daher immer ganzheitlich geschehen. Doch wenn ich eine Farbe benennen müsste, die meine Kreativität anspricht, dann wäre es Blau. Zugegeben, das Wort Blau steht hier nicht für einen Ton, sondern für ein ganzes Universum von Assoziationen: das Blau des Firmaments, des Meeres oder eines Sees in verschiedenen Lichtstimmungen und Tageszeiten. Es steht für das Blau von Kornblumen, der Nivea-Creme-Dose aus meiner Kindheit oder der Spielzeugautos meiner Brüder, als sie noch Kinder waren. Ich denke an Royal Blue, an die Marine, ja sogar an Zürich mit seinen blauen Trams. Solche Assoziationsketten werden nicht nur über Blau ausgelöst, doch Ultramarin scheint nicht nur meine Gedanken- und Vorstellungswelt anzuregen.
Auch der Philosoph Thomas Metzinger scheint ein besonderes Verhältnis zu Blau zu haben. Das in Ultramarin gehaltene Cover seines Sammelbandes zur Bewusstseinsforschung macht er gleich zum Gedankenexperiment und erklärt die grosse Frage, wie sich bewusstes Erleben eigentlich anfühlt. Yves Kleins International Klein Blue hat für Metzinger besonders viel «subjektive Kraft und Tiefe». Vielleicht würde Metzinger in der blauen Bibliothek bei On also gerne weiterdenken – und neue Bücher schreiben. Bei so vielen Gedankenketten: Ein Raum in Ultramarin ist jedenfalls eine wunderbare Wahl, wenn geistige Stimulation gefragt ist.
Autorin Barbara Mutzbauer erkundet in dieser Kolumne die Macht der Farben im Raum. Sie ist Szenografin, Innenarchitektin und Dozentin und beschäftigt sich mit der Frage, was wir aus Räumen lesen können. Denn Räume haben uns viel zu sagen: Sie erzählen von der Identität ihrer Bewohnenden und Nutzenden und vermitteln Gefühle – oftmals unbewusst. Farben spielen dabei eine zentrale Rolle; sie lassen sich sogar als ein Kommunikationssystem verstehen. Barbara Mutzbauer besucht ausgewählte Orte und reflektiert, welche Wirkung Farben jeweils entfalten und was dies über die Beziehung zwischen Mensch und Raum aussagt.
Mehr Inspirationen über Architektur, Wohnen und Design gibt es im Magazin RAUM UND WOHNEN.
Text: Barbara Mutzbauer Fotos: Ivan Engler
aus dem Magazin: Raum und Wohnen, Zeitschrift Nr. 09•10/26